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Aachen: Die meisten Selbstmorde gibt es im Mai

Aachen : Die meisten Selbstmorde gibt es im Mai

Acht von zehn lebensmüden Menschen kündigen ihren Suizid vorher an. „Sätze wie Ich kann nicht mehr oder Das macht alles keinen Sinn mehr sind deutliche Hinweise”, sagte der evangelische Pfarrer Frank Ertel am Samstag bei einer Tagung zum Weltsuizidpräventionstag in Aachen. Die Hinweise würden von anderen ignoriert, oft auch aus Hilflosigkeit.

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Suchtprävention sterben jedes Jahr über 11.000 Menschen durch Suizid. Das sind weit mehr als im Straßenverkehr. Auslöser könne eine private oder berufliche Krise sein. Der Prozess sei schleichend und werde vom Betroffenen nicht wahrgenommen. Es beginne mit dem ersten Gedanken an Selbsttötung und ende mit der Erkenntnis: „Das Licht am Ende des Tunnels ist nur eins, der Tod”, sagte Ertel bei der Tagung von 170 Seelsorgern aus vier Ländern.

Viele Selbsttötungen geschehen nicht im Moment der tiefsten Krise, sondern drei Monate nach einer beginnenden Besserung. „Für einen Suizid braucht man viel Energie. Menschen sind in Krisen zu sehr ermattet”, sagte Ertel, der die Aachener Telefonseelsorge leitet. Wenn das größte Problem gelöst sei, komme der Mensch zu Kräften. Gleichzeitig erkenne er aber, dass er noch viele andere Probleme hat.

Nicht der graue November und der Jahreswechsel sind nach Erkenntnis der Fachleute die kritischsten Monate, sondern das Frühjahr und insbesondere der Mai. „Im Mai wird alles schön und bunt, nur ich bin grau”, beschrieb Ertel die Sicht der Betroffenen. Aus Scham würden viele Angehörigen den Suizid verschweigen. „Ich habe Menschen beerdigt, wo bis auf drei alle dachten, der ist an einer Herzkrankheit gestorben. Dabei hat er sich aufgehängt.”

Allein in den Telefonseelsorgestellen in Aachen und Düren rufen nach seinen Angaben vier Menschen pro Tag an, die daran denken, sich umzubringen. Die Erfahrungen zeigten, dass die Betroffenen jemanden brauchten, der ihnen zuhört, ihnen Aufmerksamkeit schenkt und nicht gleich urteilt. „Im Zweifelsfall fährt auch sofort jemand hin”, sagte Ertel.