1. Kultur

Die Lemper singt die Dietrich

Neues Album : Wiederbegegnung mit einer Bekannten

Ein Kreis schließt sich: Ute Lemper interpretiert Lieder aus dem Repertoire von Marlene Dietrich. Mit Humor und Jazz.

Den Blues hat Ute Lemper auf ihrem neuen Album „Rendezvous mit Marlene“ zwar nicht. Aber auch die Chansonsängerin und Schauspielerin von Weltruf verzweifelt mitunter an der „Unkultur“, mit der sie sich heute beim Plattenaufnehmen konfrontiert sieht. Alles würde in der Moderne perfekt gebürstet, Stimmlagen würden künstlich verändert, wenn sie nicht passten, jedes kleine Verspielen eines Instrumentalisten werde zerstückelt, die Musik sei schlicht langweilig geworden, lamentiert sie. Um dieser „Entmenschlichung“ etwas entgegensetzen zu können, hat sie ihre Verabredung mit Marlene live aufgenommen.

In einem großen Aufnahmestudio in ihrer Wahlheimat New York traf sie sich mit einer Auswahl erstklassiger Jazz-Musiker und probte das Repertoire ein paar Tage lang, bevor es für die Nachwelt festgehalten wurde. Ohne digitale Nachbearbeitung, versteht sich. Darauf ist die Lemper stolz, wie sie betont.

20 Stücke sind auf diese Weise entstanden, deren Arrangements sie bereits im vergangenen Jahr während ihrer aktuellen gleichnamigen „Rendezvous mit Marlene“-Bühnenshow getestet hatte. Sämtliche Arrangement-Arbeit geht auf ihr Konto, „um die Lieder symbolistisch klingen zu lassen, und um hier und da auch musikalischen Humor einfließen zu lassen, denn der fehlt uns heute sehr“, wie sie meint. Natürlich versteht sie darunter keine lauten Brüller, dafür ist sie nach wie vor viel zu feingeistig unterwegs. Ihr geht es um den kleinen Spott am Rande, um musikalische Nadelstiche, die inhaltliche Aussagen ironisch brechen oder kurzweilig überhöhen. Wie in Friedrich Holländers „Ruins Of Berlin“, das mit Unheil verkündenden Streichern beginnt, in deren Mitte die Lemper eine stocksteife Posaune platziert, die einen Tonabfolge-Teil der deutschen Nationalhymne zitiert.

Harold Arlens und Johnny Mercers Trinkerlied „One For My Baby (And One More For The Road)“ führt hingegen als Easy-Listening-Ballade in das neue Werk der 56-Jährigen. Kurze, einschmeichelnde Querflöten- und Saxofon-Soli flankieren darin Lempers großes Entree in die Wiederbegegnung mit einer Bekanntschaft, die sich vor gut drei Jahrzehnten zutrug. Die damals für ihre Darbietung im Musical „Cabaret“ mit dem Molière-Preis in Paris Prämierte, wurde plötzlich weltweit unfreiwillig zur neuen Marlene Dietrich gekürt.

Schmeichelhaft sei das gewesen, resümiert sie, aber auch peinlich. Von der globalen medialen Aufmerksamkeit und der ewigen Gegenüberstellung Dietrich-Lemper irritiert, schrieb sie, der Musical-Star der Stunde, eine demütig verfasste Postkarte in die Pariser Avenue de Montaigne, Nummer 12. Die Dietrich verbrachte seinerzeit ihre letzten Lebensjahre zurückgezogen von der Außenwelt in einem dort gelegenen Apartment, nahe der Seine. „Ich entschuldigte mich mit der Karte bei ihr für den Rummel, der mir auch wegen der ewigen Vergleiche mit ihr zuteil geworden war“, erinnert sie sich. „Nichts ahnend, nahm ich ein paar Tage später den Telefonhörer ab und vernahm die Stimme der Dietrich. Wir redeten knapp drei Stunden lang. Welche Ehre!“. Das war 1988.

Heute, 32 Jahre später, ist die Dietrich kein Geist mehr, der wie ein großer Schatten über ihr hängt. Längst vergessen, so scheint es, ist auch Lempers Rolle als Lola Lola in der Theater-Adaption des Spielfilms „Der Blaue Engel“, für die sie 1992 geradezu unverschämte Kritik in Deutschland einstecken musste. Damals hatte sie es gewagt, die ursprünglich von der Dietrich dargestellte Filmfigur widerborstig mit rotgefärbtem Haar zu spielen.

Andernorts, vor allem in Amerika, ging es in Ute Lempers Karriere derweil stetig bergauf. Folgerichtig lebt sie seit nunmehr 20 Jahren in Manhattan, wo sie mit ihrer Familie eine geräumige Penthouse-Wohnung an der wohlsituierten Upper West Side zwischen East River und Central Park bewohnt.

Dort erreichten sie vor zwei Jahren etliche Skripts für Film- und Theaterrollen, in denen sie die Dietrich spielen sollte. „Ich fand die angebotenen Rollen allesamt schrecklich“, sagt sie. „Der Geist der Frau, ihr Habitus, ihr Wesen, alles sollte banalisiert und klischeehaft aufbereitet werden. Die Bedeutungstiefe ihres Schaffens, ihres Muts und Widerstandsgeistes während der Nazidiktatur tauchte darin gar nicht auf. Ich erinnerte mich beim Lesen der Drehbücher oder Rollenhefte an ihren Anruf und schrieb mein eigenes Dietrich-Programm, das jetzt auf der neuen CD erscheint.“

Aufgezeichnet hat sie das Telefonat mit der Dietrich nicht, führt sie weiter aus. Die Erinnerung an die emotionale Tragweite des Duktus der längst verstorbenen Stilikone und Leinwandheldin habe vielmehr zur Findung des Repertoires geführt, meint sie. Karl Lagerfelds Aussage, wonach Marlene Dietrich selbst schuld an ihrer Vereinsamung im Alter gewesen sei, weil sie angeblich garstig zu ihren Freunden war, regt Ute Lemper auf. „An die Garstigkeit Lagerfelds kam niemand heran“, empört sie sich und lacht. „Der war in dieser Hinsicht schlimmer als drei Diven zusammen. Im fernmündlichen Austausch vermittelte sie mir den Eindruck, genug davon gehabt zu haben, Marlene Dietrich zu sein. Sie war es schlicht leid, das perfekte Schönheitssymbol geben zu müssen“, sagt Lemper.

„Marlene macht Mut“

Gleichwohl habe sie immer noch im Austausch mit Billy Wilder oder Michail Gorbatschow gestanden. „Das Politische hatte sie, die sich alleine mit ihrer bisweilen androgyn wirkenden Kleidungsart gegen die Nazi-Ideale stellte, nie verlassen. Sie symbolisierte eine Form der weiblichen Selbstbestimmung, lange bevor von Emanzipation geredet wurde. Sie war so frei, wie sie sein konnte, das hat mir immer imponiert.“

Auch deshalb wartet Ute Lemper auf ihrer neuen Platte mit etlichen Jazz-Arrangements von Klassikern auf, die die Dietrich ebenfalls regelmäßig interpretierte. Natürlich bereitet sie „Und wenn er wiederkommt“ oder „When The World Was Young“ nicht in Modern-Jazz-Manier auf. Eher kammermusikalisch nähert sie sich der Freien Musik in „Want To Buy Some Illusions“, während sie „Que Reste-t-il De Nous Amour“ als schwelgerisch-streicherintensiven Swing mit Scat-Gesang aufwarten lässt.

„Die innere Schönheit und die politische Kraft der Lieder und der Dietrich in musikalische Bilder zu setzen, war mir ein Anliegen, als ich das Programm schrieb, auf dem das neue Album fußt“, sagt Lemper zum Schluss. „Jede Begegnung mit Marlene macht Mut. Hoffentlich nicht nur mir.“

Ute Lemper: „Rendezvous With Marlene“ (Jazzhaus/In-Akustik). Das Album erscheint am Freitag, 22. Mai.