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Aachen: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe”: Der Wolf im Schafspelz bleibt lebendig

Aachen : „Die heilige Johanna der Schlachthöfe”: Der Wolf im Schafspelz bleibt lebendig

Eine Gestalt krabbelt über die Bühne. Wer steckt unter der filzigen Decke? Ein besonders Armer, Elender? Nein. Es ist der „Wolf im Schafspelz”, ein Mann, bei dem man das rührselige Selbstmitleid beinahe mit Reue und tätiger Buße verwechselt hätte - Pierpon Mauler, Chicagos Fleischkönig, den ein hübscher Stier im Schlachthof zum Weinen bringt, das Sterben der Menschen aber völlig kalt lässt.

In der Inszenierung von Intendant Manfred Langner hatte Bertolt Brechts Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe” jetzt im Grenzlandtheater in Kooperation mit dem Tourneetheater Thespiskarren seine viel beachtete Premiere, nachdem das Werk lange Zeit in Aachen nicht zu sehen war.

Es ist ein sperriges und vielschichtiges Stück, eine in vielen Passagen feierlich-antiquierte Sprache und eine artifizielle Verknüpfung von literarischen Anspielungen von der Bibel bis zu Goethes „Faust”. Eine echte Herausforderung für Regisseur und Ensemble.

Entstanden ist „Die heilige Johanna der Schlachthöfe” zur Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929/30. Bittere Kritik an den samaligen gen Zuständen verknüpft Brecht mit Anleihen bei der Geschichte der mystischen Streiterin Jeanne d´Arc, wobei ihm die Stücke von Friedrich Schiller und George Bernard Shaw offenbar vertraut waren. Nachdem die Nationalsozialisten das Stück verboten hatten, fand die Uraufführung erst am 30. April 1959 in Hamburg statt - drei Jahre nach Brechts Tod.

In seiner Regiearbeit setzt Manfred Langner auf eine deprimierend zeitlose Botschaft Brechts: Die Armut in der Welt wird nicht schwinden, im Gegenteil. Die Reichen behalten die Macht und nutzen selbst Pleiten noch zu ihren Gunsten. Wer sich dagegen auflehnt, kämpft gegen Windmühlenflügel und wird von ihnen zermalmt. Eine atmosphärische Bühne wird von Charles Copenhaver in vier Bereiche klar unterteilt.

Bräunlich schmutzige Wände, abgeblätterter Putz, elendes Grau - hier hat sich das Blut der geschlachteten Tier in den Staub gemischt. Auf zwei „Emporen” handeln und agieren die brutal Herrschenden. Auf den unter ihnen liegenden Drehbühnen holt man die Armen, Geduckten und Notleidenden ins Bild oder lässt sie verschwinden wie lästigen Müll.

Auch Johanna Dark, das Mädchen aus der Heilsarmee der „Schwarzen Strohhüte”, das alles retten will, entgeht diesem Schicksal nicht. Stephanie von Borcke spielt sie mit einer blinden Naivität, die beinahe schon schmerzt, wenn das blondlockige Mädchen nach eifrigen Predigten im weißen dünnen Röckchen hustend durch den blutigen Winter der Schlachthöfe rennt.

Insgesamt bringt Langner zielsicher Tempo und Spannung in seine Inszenierung. Einzelnen Episoden werden durch Texteinblendungen angekündigt. Projizierte Schreckensbilder von der Not in unseren Tagen zeigen, wie gegenwärtig dieser Brecht ist. Verdienter, kräftiger Beifall für alle Akteure, die häufig gleich mehrere Rollen zu verkörpern haben und den schwierigen Text gut meistern.