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Aachen: Die frisch geordnete Kunst braucht ein neues Dach

Aachen : Die frisch geordnete Kunst braucht ein neues Dach

Inzwischen kann er auf die Erfahrungen eines runden Aachen-Jahres zurückblicken.

Als Harald Kunde im März 2002 in der Nachfolge von Wolfgang Becker die Leitung des Ludwig Forums für internationale Kunst in der ehemaligen Schirmfabrik übernahm, war er vorsichtig mit Prognosen und Konzepten.

Inzwischen sind ihm Mitarbeiter, Gebäude und Sammlung bereits wesentlich vertrauter, hat er Vorstellungen entwickelt, wie er die moderne Kunst wieder näher an den Bürger bringen will. Wir unterhielten uns mit Harald Kunde über Gegenwärtiges und Zukünftiges.

Die letzten heißen Tage, verbunden mit den kräftigen Gewitterschauern haben es ihm wieder bewiesen: Die klimatischen Bedingungen im ehemaligen Industriegebäude an der Jülicher Straße waren für diejenigen, die dort bei Brauer Schirme herstellten, sicherlich nicht angenehm - für die Kunst des Ludwig Forums sind sie schädlich.

„Die Sheddächer sind als Industriedenkmal ja schön, aber nicht dicht, und es wird heiß, eine Klimaanlage gibt es nicht”, so Harald Kunde. „Daran hätte man beim Umbau denken müssen, aber es galt ja lange die Meinung, dass zeitgenössische Kunst keine konservatorischen Bedingungen braucht. Das stimmt nicht.”

Sein Amt hat er zwei Wochen vor Eintritt der Haushaltssperre angetreten - die Umbaupläne, die es bereits gab, liegen auf Eis. Selbst bei dem Wunsch, das Graphik-Design des Ludwig Forums zu ändern, bewirkte er Kopfschütteln. „Wir haben doch eins . . .” lautete die lapidare Antwort der Stadt.

Doch Kunde, der zuvor in Dresden das Kunsthaus geleitet hat, ist ein Museumsmann, der mit ruhiger Beständigkeit nach Lösungen sucht. Die Fenster werden inzwischen abgedichtet, der Lichteinfall gedämpft - und die Idee, dem Gebäude ein neues und vor allem höheres Dach zu geben, das dem langen Raum die drückende Wirkung nimmt, ist nicht vom Tisch.

„Es gibt keine Einschränkungen seitens des Denkmalschutzes, lediglich die Klinkerfassade muss erhalten bleiben.” Ein deutliches Plus für das Ludwig Forum sei sein Parkplatz - ein schwerwiegendes Minus jedoch die abseitige Lage.

Den Fußweg von der Innenstadt mag sich kaum ein Besucher zumuten - zumal am Bahnhof noch nicht einmal ein Hinweisschild die Richtung angibt. Das soll sich allerdings ändern.

Reizvoll findet Kunde auch die Idee, den Zugang durch den Kurpark, verbunden mit dem Gebäude des Neuen Aachener Kunstvereins, zu fördern und den Haupteingang zum Parkplatz hin zu verlegen. Eine weitere Grundüberlegung betrifft das Restaurant, das er sich eher in Parknähe vorstellen könnte, verbunden mit der Präsentation von Skulpturen unter freiem Himmel.

Doch vorerst ist Kunde noch mit „Ausgrabungen” in den prall gefüllten Depots beschäftigt - stets im Bemühen um Qualitätssicherung unter kunsthistorischen, formal-ästhetischen und räumlichen Bedingungen. „Es wurde vieles gekauft, was in seinem Wert noch unbestimmt ist, aber wir entdecken auch noch Kostbarkeiten.”

Um dem „Gähneffekt” des Besuchers entgegenzuwirken, will Kunde „Räume” schaffen, in denen die Werke miteinander korrespondieren - wie zum Beispiel bei seinem „politischen Raum” mit Jörg Immendorfs Brandenburger Tor, der Wendung hin zu Beuys, weiter zu dem Werk des Russen Ilja Kabakov bis hin zu Sigmar Polke, dem Ironiker, und Martin Kippenberger, dem Zyniker, und seinem „nieder mit den Parteien, nieder mit den Ideologien . . ”

Kunde will Zusammenhänge schaffen, sieht Kunst als Spiegel der gesellschaftspolitischer Entwicklungen. So wird es zur linken Seite hin einen „Europäischen Flügel” und rechts den „Amerikanischen Flügel” geben.

Bei der Bedeutung des Ludwig Forums hat er keine Illusion. „1971 konnte man in Aachen US-Pop-Art sehen, das war außergewöhnlich, 1984 verlagerte das Sammlerehepaar Ludwig den Schwerpunkt nach Köln, es gingen Teile der Sammlung nach Ostberlin, in Budapest, Wien, Peking, St. Petersburg und Havanna wurden Museen eingerichtet, zum Teil wurden auch zusammenhängende Werkkomplexe auseinander gerissen, das hatte Folgen.”

Nicht geringes Kopfzerbrechen bereitet die Medienkunst. So musste die Installation von Nam June Paik mit ihren Monitoren für rund 70 000 rekonstruiert werden, wobei sich die Ludwig-Stiftung helfend einsetzte. „Es war so teuer, weil alle Geräte neu angeschafft werden mussten”, erklärt Kunde.

Ein Glück, dass der Künstler drei autorisierte Vertreter hat - einen in Asien, einen in Amerika und einen in Europa, der in Düsseldorf lebt und die Arbeit betreuen konnte.

Den im Ludwig Forum bislang propagierten Ansatz der „Weltkunst” will Kunde nicht weiter verfolgen. „Einen ethnologischen Ansatz halte ich für verkehrt, für mich sind Kunstaspekte entscheidend.”

Was nicht bedeutet, dass man Förderprogramme nicht nutzen wird - so etwa 2004 mit Kunst aus der Schweiz oder gegenwärtig bei „uk@nrw ”, der Möglichkeit, britische Kultur zu zeigen.

Neben seinem Ziel, die Sammlung neu und mit Frische zu präsentieren, wieder Anschluss an die Gegenwart zu finden, nachdem Mitte der 90er Jahre die letzten „jungen Positionen” dokumentiert wurden, will Kunde das Spektrum des Hauses erweitern und auch Regionales einbeziehen wie 2004 den Künstler Karl Otto Götz (er wird 90).

Das „Schrittmacher-Festival” wird ein wichtiges Element bleiben, der „Sommer-Film” (erster Abend am 12. Juli) soll unter freiem Himmel über die Wand flimmern, das Literaturforum unserer Zeitung und die Gesprächsabende des Vereins der Freunde des Ludwig Forums mit interessanten Gästen werden für Akzente sorgen.

Stolz ist Kunde auf ein gerade verabredetes Gemeinschaftsprojekt Ende 2004 mit dem Centre Pompidou Paris und dem Martin-Gropius-Bau Berlin - die Präsentation von Arbeiten der Fotografin Sophie Calle, Jahrgang 1953, die eine der wichtigsten Fotokünstlerinnen in Frankreich ist. „Man hat uns aufgefordert, und das zeigt uns, dass man Aachen wieder erst nimmt . . .”