Aachen: „Die Frau in Schwarz”: Gelungener Grusel auf Burg Frankenberg

Aachen: „Die Frau in Schwarz”: Gelungener Grusel auf Burg Frankenberg

Arthur Kipps ist kein Schauspieler. Er hat nur einen Wunsch: Er will seine Geschichte erzählen. Der junge Anwalt, gespielt von Jens Eisenbeiser, wirkt verstört. Seine schlimmen Erlebnisse verfolgen ihn im Schlaf, er muss sich sein Trauma von der Seele reden.

Er engagiert einen jungen Schauspieler (Mike Kühne), um mit ihm einen Vortrag zu erarbeiten. Der jedoch überzeugt ihn, das Geschehene nachzuspielen - und so wird die Burg Frankenberg im neuen Stück des Das Da Theaters zur Kulisse für dieses Spiel im Spiel, zum kleinen Open-Air-Theater, irgendwo in London im Jahr 1920. Von hier aus begeben sich die beiden Männer auf die Reise zum mystischen Aal Marsch Haus, an Englands düsterer Ostküste gelegen. Dort lebte und starb Mrs. Alice Drablow. Bevor sie beerdigt wird, soll Kipps ihre Papiere in Ordnung bringen.

Im alten englischen Theater sind ein paar Requisiten vom letzten Stück übrig geblieben. Sie genügen den beiden, um Kipps Erlebnisse aufzuarbeiten. Eine alte See-Kiste wird zur Sitzbank im Zugwaggon, dann zur Theke, später zur Kutsche umfunktioniert. Hintergrundgeräusche vermitteln die Atmosphäre der Szenerien Büro, Bahnhof oder Marktplatz. Es bedarf nur der Fantasie der Zuschauer und der Emotionen von Kipps, um den Spuk erlebbar zu machen, erklärt ihm der Schauspieler.

Er tauscht mit Kipps den Mantel und übernimmt seine Rolle. Kipps imitiert alle Personen, denen er vor und auf seiner Reise an die Ostküste begegnet ist. Es ist kein leichter Akt für ihn, die schauderhafte Geschichte noch einmal zu durchleben. Doch wie besessen spielt er weiter. Den hölzernen Chef, seinen näselnden Sekretär, einen seltsamen Fahrgast, einen aufgeregten Agenten und den einsilbigen Kutscher. Alles kauzige, in sich gekehrte Typen, die Kipps nichts verraten. Die nur Andeutungen machen, aber nicht erzählen, welche unheimliche Geschichte das Haus Marsch umgibt.

Nebel, Knarzen, Kindergeschrei

Immer tiefer werden die beiden in den Bann der Geschichte gezogen, immer tiefer wird derweil die Bühne von Frank Rommerskirchen ausgeleuchtet. Hinter einem dünnen Stoff tauchen in Spots die Spielorte der Geschichte auf. Friedhof und Zimmer des Grusel-Hauses werden wie von Geisterhand sichtbar. Die Frau in Schwarz (Keara Lindert-Knöppel) tanzt immer wieder durch diese Bilder - und durch Kipps Gedanken.

Seine Angst und die Zerrissenheit zwischen Wirklichkeit und Alptraum-Welt spiegeln die beiden Schauspieler in der Inszenierung von Tom Hirtz und Enikö Kümmel beeindruckend wider - und stehen sich dabei in nichts nach. Kühne überzeugt noch als anmutiger Erzähler, Eisenbeiser schlüpft mit einer verblüffenden Leichtigkeit in die verschiedensten Rollen, denen er ohne großen Kostümwechsel oder besonderen Schnickschnack ein authentisches Gesicht verleiht.

Die stimmige Kulisse der Burg und die geschickt eingesetzten Effekte - wie See-Nebel, Schaukelstuhl-Knarzen auf Holzboden und plötzliches Kindergeschrei - sind gelungenes Stimmungs-Beiwerk zu diesem tiefenpsychologischen Gruselstück von Stephen Mallatratt nach dem Roman von Susan Hill. Vor allem aber ist es das gefühlvolle Spiel der beiden Darsteller, das die Zuschauer in der Dämmerung schaudern lässt.

Weitere Aufführungen noch bis Ende Juli

Vorstellungen auf der Burg Frankenberg, Bismarckstraße 68, in Aachen, bis 31. Juli, außer montags; Beginn jeweils um 21 Uhr.

Karten: Tel. 0241/161688, Theaterbüro in der Liebigstraße 9; Vorverkauf auch im Buchladen Pontstraße 39, Tel. 0241/28008.