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Aachen: Die Fans reisen dem Maestro im Bus hinterher

Aachen : Die Fans reisen dem Maestro im Bus hinterher

Wer hätte 2002 vorausgesagt, dass jener gerade mal 33-jährige Dirigent, der soeben von Saarbrücken als Generalmusikdirektor nach Aachen gewechselt war, eine regelrechte Musik-Eurphorie in der Kaiserstadt auslösen würde?

Und das nach einer Zeit, in der das Sinfonieorchester Aachen, milde belächelt, buchstäblich am Boden lag? Fünf Jahre sind seither vergangen, fünf Spielzeiten, in denen Marcus R. Bosch eine musikalische Erfolgsgeschichte geschrieben hat.

Allein die Zahlen dokumentieren einen nicht für möglich gehaltenen Klassikzuspruch beim Publikum: Im letzten Sinfoniekonzert der Saison, am 20./21. Juni, wird der 15.000ste Besucher der Reihe in dieser Spielzeit erwartet - eine Steigerung gegenüber 2001/02 um 70 Prozent!

Insgesamt betrachtet, fällt die Bilanz noch eindrucksvoller aus: 130 Prozent Besucher verzeichnet das Sinfonieorchester pro Saison mehr als vor fünf Jahren. Und was die Qualität angeht, da ist sich Bosch ganz sicher: „Das Sinfonieorchester Aachen ist vielleicht das beste B-Orchester in Deutschland.”

In seinem Büro auf der dritten Etage des Mörgens treffen wir den GMD, der sich bei allem Erfolg immer noch seinen jungenhaften Charme bewahrt hat. An der Heizung lehnt sein blaues Fahrrad. Wer Glück hat, kann in Aachen einen leibhaftigen Generalmusikdirektor radeln sehen...

Er selbst hätte diese Entwicklung damals „nicht einmal erträumt”. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, regelmäßig vor vollen Sälen zu spielen, als ständiger Gast an der Hamburgischen Staatsoper, eingeladen zu werden vom Belgischen Nationalorchester, den Münchner Philharmonikern, der Staatskapelle Dresden.” Turin, Palermo oder St. Moritz: „Das alles war nicht absehbar.”

Nach den Gründen des Erfolgs gefragt, gibt Marcus Bosch eine ganz bescheidene Erklärung: „Das waren lauter Glücksfälle.” Gleichwohl dankt er im gleichen Atemzug „vielen Menschen, die mitgeholfen haben”, den Sponsoren, dem Intendanten Michael-Schmitz-Aufterbeck und auch seinem ersten Aachener Intendanten Paul Esterhazy, „der mich machen ließ”, wie er dessen wohlwollende, aufmunternde Unterstützung zum Ausdruck bringt.

Allein: Ein Schlagwort rangiert im Rückblick auf die fünf Jahre ganz oben - Qualität. Bosch: „Ohne Qualität wäre alles andere nicht möglich gewesen. Da hätte auch das beste Marketing nichts erreichen können.” „Lustvermittlung auf Qualität” - so umschreibt er seinen Umgang mit dem Orchester, der letztlich zu dem Aufschwung geführt habe. „Und das ist auch nach fünf Jahren noch steigerungsfähig.”

Die Breitenwirkung beim CHIO, jene Konzerte vor Zehntausenden von Menschen, und vor allem die Bruckner-CD-Einspielungen - das sind für Bosch entscheidende Marksteine, die Aachen wieder zu einem „internationalen Renommee” verholfen hätten, wie es das früher bereits einmal gab.

Aber auch strukturell-programmatische Maßnahmen waren für ihn Garanten, Publikum zu sichern und neu zu gewinnen: „Für einen großen Erfolg hat die Traditionalisierung von Terminen gesorgt.” Barock im Ballsaal jeweils am 3. Oktober, das Weihnachts- und Neujahrskonzert, das Konzert ohne Frack, „das wie eine Bombe eingeschlagen ist”, zumal auch noch im Kino in Alsdorf, das Familienkonzert, die Reihe „Gold und Silber”, die Konzerte in der Region wie der „Elias” in St. Sebastian in Würselen, all das mit klaren künstlerischen Linien, einer riesigen Spannbreite für unterschiedlichste Hörerschichten und einem transparenten programmatischem Konzept, in schöner Regelmäßigkeit - das kommt beim Publikum gut an.

Jüngster Beweis: Bei Boschs letztem Konzert in Düsseldorf sind gleich zwei komplette Busse mit seiner Fangemeinde, die sich offenbar nach dem „Elias” in Würselen gebildet hat, mitgefahren.

„Das Orchester hat sich dem Publikum unglaublich geöffnet”, meint der GMD voller Anerkennung für seine Musiker. So gibt es während der Proben regelrechte „Sit-ins”, bei denen Schulklassen oder Gruppen mitten im Orchester sitzen. Das schafft Sympathien. Nicht zuletzt auch die regelmäßigen Radioübertragungen im Deutschlandfunk und die mittlerweile zwölf produzierten CDs - „Das kann kein Orchester dieser Größenordnung vorweisen” (Bosch) - prägten in der Region ein nachhaltig positives Bild vom Sinfonieorchester Aachen.

Musikalisch sieht sich Marcus Bosch als „Generalist”, der vom Barock bis zur Uraufführung eine möglichst große Bandbreite abdecken will. Für das ausgesprochen offene Publikum findet er vor diesem Hintergrund nur lobende Worte und hebt dabei gerne hervor, dass zum Beispiel ein Stück von Strawinsky in Aachen eher zum „Blockbuster” wird als eine Sinfonie von Mozart. „Das ist in anderen Städten ganz anders.”

Und auch das junge Publikum hat ganz offensichtlich Gefallen gefunden an diesem jungen GMD mit seinem Pogramm, dem Konzert ohne Frack, den Crossover- Abenden, jener Sternennacht mit der Star-Wars-Musik, den Familienkonzerten, die sich vor allem auch an junge Eltern richten. Bosch freut sich dabei über eine aufschlussreiche Erscheinung: „Wir haben noch nie so viele Fahrräder vor dem Theater gehabt.”

Das Orchester hat bei all dem „total mitgezogen”. Ein voll besetztes Konzert und rauschender Beifall, „da verschwindet bei jedem Künstler die Erinnerung an all die Probemühsal”, lächelt der GMD. „Wir haben das Letzte ausgereizt, was der Tarifvertrag hergibt.” Dabei hat der Chef seinen Musikern einiges zugemutet, wie er selbst bekennt. Händel und Mozart mussten unter seiner Leitung plötzlich ganz neu gespielt werden. „Mozart auf einmal ohne Vibrato zu spielen und Barockmusik wie ein Originalinstrumenten-Ensemble, das ist schon eine Umstellung.”

Blick in die Zukunft, Boschs Vertrag läuft bis 2011: Musikalisch sind für ihn noch reichlich Felder zu erobern. „Mendelssohn zum Beispiel liegt mir sehr am Herzen, und Beethoven habe ich bislang ja komplett ausgespart. Schubert, Schumann, Schostakowitsch, ganz viel haben wir noch nicht gespielt.” In der kommenden Saison steht Boschs erste Tschaikowsky-Sinfonie auf dem Programm, und das zweite Wagner-Konzert steht an.

Einen kleinen Wunsch an das Publikum formuliert er zum Schluss unseres Gesprächs: Das Opernpublikum möge doch genauso aufgeschlossen sein wie das Konzertpublikum. Wer zum Beispiel den „Werther” des Franzosen Jules Massenet im Theater Aachen gesehen habe, „der war schlichtweg begeistert”, das hätten die Reaktionen gezeigt. „Werther ist genauso toll wie La Bohème.” Man muss nur hingehen. Aber auch ein Erfolgsmensch wie Marcus Bosch soll ja schließlich noch Ziele haben...

Beim letzten Sinfoniekonzert der Saison wird nicht der GMD, sondern der Aachener Lothar Koenigs als Gast dirigieren. Marcus Bosch ist wieder live zu erleben bei der „Night at the Opera” im Rahmen der „Kurpark Classix” am 15. Juni, 20 Uhr, im Aachener Kurpark.

Programm des 8. Sinfoniekonzerts

Das letzte Sinfoniekonzert der Saison findet am Mittwoch, 20., und Donnerstag, 21. Juni, jeweils um 20 Uhr im Aachener Eurogress statt. Einführung um 19.15 Uhr.

Gastdirigent ist Lothar Koenigs, 1966 in Aachen geboren. Für das Konzert in seiner Heimatstadt hat er sich drei Werke gewünscht, die ihn dazu gebracht haben, Dirigent zu werden:

Brahms Violinkonzert D-Dur op. 77, Wagners Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde” und Bartóks „Der wunderbare Mandarin”-Suite. Solistin ist Alina Pogostkina, die auf einer von Falk Peters in Kornelimünster gefertigten Geige spielt.