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Aachen: Die erste Frau auf einem Lehrstuhl für Männer

Aachen : Die erste Frau auf einem Lehrstuhl für Männer

Man muss schon genau hinsehen, um auf den 225 Lehrstühlen der RWTH ab und zu eine Frau zu entdecken. Ganze sieben sind es derzeit, eine einzige davon in den Naturwissenschaften (Physik).

Und auch die Frau, die morgen 100 Jahre alt geworden wäre, ist nur unter besonderen Umständen zu ihrem Lehrstuhl gekommen, den sie dann sehr vital ausfüllte. Doris Schachner war die erste Mineralogin überhaupt, die in Deutschland zum „Ordinarius” berufen wurde. Dass das erst 1949 war, hat viel mit dem Krieg und einiges mit den Nazis zu tun.

Als Doris Korn wurde sie am 30. Mai 1904 in Zwickau geboren. Sie gehörte zu den ersten Mädchen, die nach dem ersten Weltkrieg, in Mannheim, das Abitur ablegen konnten, nach dem Studium in Heidelberg in Geologie, Mineralogie und Chemie promovierte, und sich 1933 an der RWTH habilitierte. Günther Friedrich, von 1974 bis 1994 ihr Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Mineralogie und Lagerstättenkunde, schreibt in seiner Laudatio: „Trotz ihrer Qualifikation erhielt sie weder eine volle Assistentenstelle noch einen Lehrauftrag.” Nachdem der Ordinarius für Mineralogie aber „keinen geeigneten männlichen Bewerber” finden konnte, wurde sie 1937 doch mit der Verwaltung einer Assistentenstelle beauftragt.

Der Nazi-Rektor

Dieser Ordinarius war Hans Ehrenberg, der bald darauf und bis Kriegsende „ein vorbildlicher Rektor im Sinne der Nationalsozialisten” wurde, wie es im Band „Die Technische Hochschule Aachen im Dritten Reich” heißt. Und das ist noch die harmloseste Formulierung über den Führer des Aachener Dozentenbunds. Mit aller Härte ging er gegen „politisch unzuverlässige” Hochschullehrer vor und zerstörte ihre Karrieren. Doris Korn, die mittlerweile ihren Kollegen Benno Schachner geheiratet hatte, trat nicht in die NSDAP ein, weiß Friedrich. Sie wurde allerdings, wie ihr Mann, ins „Protektorat” nach Brünn versetzt.

Unter den abenteuerlichen Nachkriegsumständen im Januar 1946 nach Aachen zurückgekehrt, baute sie hier das zerbombte Institut wieder auf. Friedrich schreibt: „Vor Hunger bildeten sich eitrige Flecken an den Händen, aber dies hinderte Doris Schachner nicht daran, mit dem Vorlesungs- und Übungsbetrieb zu beginnen.” Ihre Studenten und Assistenten scheinen die Professorin ungemein verehrt zu haben. Als Forscherin renommiert - sie gilt als Begründerin der Erzgefügekunde - habe sie als Lehrerin „ganze Generationen” für ihr Fach begeistert.

Feierfreudig und trinkfest

„Vor allem bei Lagerstättenexkursionen vermittelte sie die Fähigkeit zur kritischen Beobachtung und die Freude am Sammeln von Erzen und Mineralen”, erinnert sich Friedrich. Zur Beliebtheit von Doris Schachner scheint aber nicht zuletzt ihre Feierfreude und „sprichwörtliche” Trinkfestigkeit beigetragen zu haben. „Doris”, so Friedrich, habe es „meisterhaft verstanden, mit jungen Leuten Feste zu feiern und dabei auch so manches Problem auf einfache Weise zu lösen”. Die Institutschronik reimt in schöner Offenheit: „Sie trank niemals Bier wie wir, nur Korn und Weinbrand, und war darum als Doris Doppelkorn bekannt.”

In das „übliche Schema der Frau im Beruf” habe Doris Schachner seinerzeit nicht gepasst. Sprachen die von Friedrich zitierten „Blätter für Berufskunde” in den 50er Jahren Frauen noch „das rationale Denken, die unbedingte geistige Selbständigkeit” ab und zweifelten an der ausreichenden „physischen Arbeitskraft, die es vielen Frauen erschwert, im Hochschullehrerberuf erfolgreich zu sein”, habe Doris Schachner „dies gründlich widerlegt”. Und neben ihrem stattlichen Arbeitspensum auch eine „Familie mit einer enorm aktiven und lernbegierigen Tochter” gepflegt.

Ärger mit „Revoluzzern”

Gar nicht zurecht kam die Vorsitzende des Senatsausschusses für das Akademische Auslandsamt aber wohl damit, dass ausgerechnet ausländische Studierende 1969 wochenlang das internationale Klubhaus der TH besetzten (und in „Che” umbenannten), um „endlos” über studentische Selbstverwaltung zu diskutierten - „mit Unterstützung einiger progressiver Professoren”. Frau Professor Schachner, gerade 65 geworden, „hatte weiß Gott was Besseres verdient als sich mit Revoluzzern herumzuschlagen”, zitiert ihr Nachfolger einen Zeitzeugen und fügt an: „Ihrer Tätigkeit verdankt die Hochschule wesentliche Impulse zur Entwicklung der internationalen Beziehungen.”

1972 emeritiert, war Doris Schachner noch Jahre am Institut tätig und wurde 1984 zur Ehrensenatorin der RWTH ernannt. Am 1. April 1988 starb sie in Heidelberg und wurde „auf ihrem letzten Weg von einer großen Schar Aachener Bergleute, Hüttenleute und Mineralogen begleitet”.