Die Eisenbahn setzte zum Höhenflug an

Die Eisenbahn setzte zum Höhenflug an

Aachen (an-o) - Ein gewaltiger Bogenviadukt überspannte einst das Wurmtal bei Teuterhof. Er stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, für die Eisenbahn eine Zeit des Goldrauschs.

Die Strecke von Kohlscheid über Würselen nach Stolberg erzählt den spannendsten Abschnitt der Eisenbahngeschichte in der Aachener Region. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts lieferten sich die privaten Gesellschaften einen Wettlauf, als es darum ging, das Wurmrevier mit seinen Kohlegruben zu erschließen. Zwischen 1871 und 1873 wurde die Aachener Industriebahn (AIB) gegründet, die den etablierten Gesellschaften Rheinischen Eisenbahn (RE, Aachen - Köln) und Bergisch-Märkische Eisenbahn (BME, Aachen - Düsseldorf) Konkurrenz zu machen drohte.

Der preußische Staat überließ den Eisenbaubau in der Gründerzeit der Eisenbahn privaten Gesellschaften. Nur die Konzessionen kamen vom Staat, für den Rest waren die Investoren verantwortlich. Die konkurrierenden Gesellschaften lieferten sich ein beispielloses Wettrennen. Als "wahnsinnige Expansionsphase" bezeichnet der Aachener Eisenbahnhistoriker Hans Schweers die ersten Jahrzehnte. Dabei spielte der Prestigegedanke eine große Rolle - die Gesellschaften wetteiferten darum, wer welche Stadt zuerst erreichen konnte.

"Damals wurden die Strecken gebaut, weil sie Gewinn versprachen", sagt der Eisenbahnhistoriker Hans Schweers. Und Geld ließ sich in der Gründerzeit der Eisenbahnen reichlich verdienen, schließlich gab es kein leistungsfähiges Straßennetz. Dabei richteten sie ihr Augenmerk vor allem auf die "großen Strecken", mit denen sich richtig Geld verdienen ließ. Nebenbahnen waren uninteressant, der Infrastrukturgedanke spielte keine Rolle.

So auch in der Wurmregion: Die großen Strecken waren schon 1838-1841 (RE) und 1846-1853 (BME) entstanden, danach tat sich 20 Jahre lang nichts. Erst mit der AIB kam Schwung in die Sache.

1875 war Eröffnung

So baute die AIB auch die Verbindung von Stolberg nach Würselen und weiter nach Morsbach (später Würselen Nord), Eröffnung war am 26. September 1875. Von Stolberg bis Quinx lief die Strecke übrigens parallel zur Trasse der RE - die Konkurrenz ließ eine gemeinsame Nutzung der Gleise nicht zu. Auch das Stück von Morsbach bis Kämpchen, wo die BME ein Anschlussgleis zur Zeche unterhielt, wurde nicht gebaut.

Der Nachteil des preußischen Privatbahnsystems war, dass notwendige, aber wenig lukrative Strecken nicht gebaut wurden und bestehende Lücken nicht geschlossen werden konnten. Der Reichskanzler Otto von Bismarck erkannte das Problem und verstaatlichte die Eisenbahnen zwischen 1880 und 1887. Die meisten der Anteilseigner waren gar nicht so böse darüber, weil die Gesellschaften notorisch klamm waren. Mit dem Staat im Rücken war das Geschäft wesentlich weniger risikoreich. Erst dann konnte man daran gehen, die Abläufe effektiver zu gestalten und Lücken im Netz zu schließen. So wurde das Stück zwischen Morsbach und Kohlscheid mit dem Viadukt in Teuterhof 1892 auf Kosten des Staates gebaut.

Mit dem Niedergang der Zechen im Revier kam auch das Aus für die Strecke von Stolberg nach Kohlscheid. 1951 wurde der Personenverkehr eingestellt, 1965 auch der Personenverkehr auf dem westlichen Abschnitt. 1966 fiel dann der Viadukt - und mit ihm ein Denkmal des Goldrausches.

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