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Aachen: „Die dunklen Seiten der Geschichte werden gerne verdrängt”

Aachen : „Die dunklen Seiten der Geschichte werden gerne verdrängt”

Zwei Veranstaltungen führten im Rahmen von „Aachen liest” den Autor, der in diesem Jahr im Mittelpunkt der Aktion steht, zu Begegnungen mit der Jüdischen Gemeinde Aachen und mit Schülern der Gymnasien St. Ursula und St. Leonhard, der Gesamtschule Laurensberg, der Gesamtschule Brand und des Rhein-Maas-Gymnasiums: Doron Rabinovici.

Im Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde erwartete die Besucher die Konfrontation von Romanfiguren mit ärztlichem Fachwissen, was die Lesung und das anschließende Zwiegespräch mehr als spannend machte.

Rabinovici präsentierte mehrere aussagekräftige Sequenzen aus seinem Roman „Ohnehin”, in dem der Wiener Naschmarkt gleichsam zum Basar einer multikulturellen Gesellschaft wird.

Die sich wiederum aufteilt in sehr verschiedenartige Individuen, darunter Menschen mit leidvoller Erinnerung wie der Jude Paul Guttmann, andere wie der alte Arzt und frühere SS-Offizier Kerber, dessen Verleugnung der Vergangenheit zu einer Krankheit des Vergessens wird.

Eingeladen war Dr. Peter Summa-Lehmann, Chefarzt in den Rheinischen Kliniken Düren und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der die im Roman geschilderten Vorgänge aus fachlicher Sicht erhellen konnte. Moderiert wurde der Abend von Walter Vennen von der Buchhandlung Schmetz am Dom.

Im Gespräch von Autor und Psychiater wurde deutlich, dass Hirnschädigungen oftmals - wie auch im Roman - durch Alkoholismus ausgelöst werden. Der Chefarzt attestierte dem Autor, das Krankheitsbild des Vergessens durchaus überzeugend geschildert zu haben. Auch der Facharzt sah - wie das Publikum, das mitdiskutierte - „hinter dem Thriller eine ständige Mahnung” wider das Vergessen.

In der „Klangbrücke” des Alten Kurhauses strömten die Schüler zusammen. In der von Ingrid Böttcher moderierten Veranstaltung hatten die Jugendlichen Gelegenheit, mit dem Autor zu diskutieren.

Nachdem Rabinovici einige Passagen aus seinem Buch höchst lebendig vorgetragen hatte, wurde es zunächst still. Denn die geschilderten Vorgänge um den alten und verwirrten einstigen SS-Mann Kerber, der von seiner Tochter „verhört” wird, lösen auch dann noch Betroffenheit aus, wenn der Inhalt - wie hier bei den Schülern - bereits bekannt ist.

Bedeutung des Titels

Die erste Frage aus dem Schülerkreis zielte direkt auf die „grausame” Tochter: Wird Bärbl nicht zu negativ dargestellt? Rabinovici: „Hier komme niemand gut weg, auch nicht Dr. Sandtner.” Bärbl wolle den Vater an den „Punkt der Reue” bringen, doch Reue und Erinnerung könnten nicht „verordnet” werden. Und er erläuterte anschaulich, dass die „dunklen Seiten der Geschichte” gerne verdrängt werden.

Auf die Frage nach der Bedeutung des Romantitels „Ohnehin” meinte Rabinovici: „Eh klar” oder „sowieso” klinge hier an, in Richtung seiner eigenen Generation, die oft „beziehungslos, bindungslos und selbstvergessen” vor sich hin lebe.

Mit welchem Charakter im Buch er sich am ehesten identifizieren könnte, lautete eine weitere Frage. Mit dem jüdischen Kaufmann Guttmann, dem „Überlebensmittelhändler” aus der Bukowina, meint der Autor, der selbst ein „Überlebender der zweiten Generation” sei.

In der weiteren Diskussion spielten auch politische Zusammenhänge in Österreich und Deutschland eine Rolle, eingehende Fragen nach seinem Schreiben und sehr detaillierte Erkundigungen nach Figuren und Situationen im Buch. Unverkrampft, charmant und doch sehr ernsthaft ging Rabinovici auf die vielfältigen Fragen des jungen Publikums ein.