Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum: Die charakteristische Sichtweise des Fotografen Marc Riboud

Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum : Die charakteristische Sichtweise des Fotografen Marc Riboud

Eine junge Frau hält flehentlich eine Blume vor die Bajonette von Soldaten. Das Bild, aufgenommen 1967 bei einem Friedensmarsch gegen den Vietnamkrieg in Washington, gehört zum kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt. Den Namen des Fotografen — Marc Riboud — kennen hingegen nur wenige in Deutschland.

Den Namen des Fotografen — Marc Riboud — kennen hingegen nur wenige in Deutschland. 140 seiner Fotografien werden vom 6. Oktober bis zum 6. Januar unter dem Titel „Marc Riboud — Meine Bilder sind Notizen“ im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum gezeigt. Die Eröffnung ist am 5. Oktober um 19 Uhr.

Die Kuratorin Sylvia Böhmer erfüllt sich damit einen lang gehegten Traum, obwohl sie schon zahlreiche Fotoausstellungen im Haus realisiert hat. „Marc Riboud gehörte zu den Superstars in Frankreich. Er ist ein Klassiker der französischen Fotografie“, erläutert sie den Stellenwert Ribouds. „Trotzdem wurden seine Aufnahmen noch nie in einem deutschen Museum gezeigt.“ Glauben konnte sie es eigentlich selbst nicht.

Ribouds Bilder sind geprägt von einem hohen kompositorischen Gestaltungswillen. „Er hat aber vor allem auch einen sehr freundlichen Blick auf die Menschen“, weist Böhmer auf eine zweite Stärke Ribouds hin. Tatsächlich gibt es kaum Bilder, die ohne Menschen auskommen. Oft stehen sie im Mittelpunkt wie die schlafende Japanerin in einem Vorortzug von Tokio oder die streikenden englischen Hafenarbeiter.

„London“, London 1954. Foto: Marc Riboud

Manchmal scheint er regelrecht auf einen gewartet zu haben, wie beim Bild von der Straße zum Khyber-Pass in Afghanistan. „Seine Fotografien sind ein Abbild seiner unbändigen Neugier, seiner Empathie für Menschen und seinem durchaus humorvollen Blick für die Einzelheiten“, meint Sylvia Böhmer.

Überblick über das Werk

Sie möchte mit den 140 Fotografien vor allem einen Überblick über das Werk des immer sehr viel gereisten Fotografen geben. Der Schwerpunkt liegt auf seinen Anfängen bei der legendären Fotoagentur Magnum in den 1950er Jahren und auf seiner ersten langen Reise von der Türkei bis nach Japan. Daneben sind Bilder aus Alaska, Russland, Vietnam und Kambodscha zu sehen sowie die ersten Arbeiten aus Paris. Frisch in der Hauptstadt angekommen und entschlossen, nicht mehr als Ingenieur, sondern als Fotograf seinen Lebensunterhalt zu verdienen, hat er die Stadt und seine Menschen wie ein Flaneur durch die Linse entdeckt.

Typisch für Marc Riboud: immer ein freundlicher Blick auf die Menschen — „Im Vorortzug von Tokio“, Tokio 1958. Foto: Marc Riboud

1953 erschien Ribouds wohl zweitbekanntestes Bild im Life-Magazin: Der Anstreicher auf dem Eiffelturm, der fast wie ein Tänzer auf den Metallstreben in über 100 Metern Höhe herumzutänzeln scheint. Daraufhin boten ihm die Magnum-Gründer Henri Cartier-Bresson und Robert Capa die Mitgliedschaft in ihrer Agentur an. 1955 trat Riboud seine erste lange Reise an: Drei Jahre lang war er mit einem Landrover unterwegs, fuhr von der Tür-kei über den Iran und Afghanistan nach Indien.

Fast wie ein Tänzer in luftiger Höhe: „Anstreicher auf dem Eiffelturm“, Paris 1953. Foto: Marc Riboud

Ließ sich nach einem einjährigen Aufenthalt dort weiter treiben nach China, wo er wieder viele Monate verbrachte, um schließlich in Japan seine Reise zu beenden. „Er flog zurück nach Frankreich. Doch drei Monate später packte er schon wieder die Koffer“, erzählt Böhmer vom Reisebegeisterten Riboud. Er selbst habe es einmal als Glück bezeichnet, zu einer Zeit durch diese Länder gereist zu sein, in der vieles noch möglich war. Selbst in dem verschlossenen China der Kulturrevolution konnte er sich relativ frei bewegen und öffnete so Ausländern eine eigentlich nicht zugängliche Welt.

China hat er im Laufe seines langen Lebens immer wieder besucht und die rasende Veränderung des Landes fotografisch festgehalten. „Orte sind wie Freunde. Ich muss immer wieder schauen, ob sie sich verändert haben“, hatte er einmal gesagt. Für China galt diese Einstellung wohl besonders. Böhmer zeigt in der Ausstellung mit Ribouds Bildern auch, wie rasend schnell sich die Volksrepublik von den 1950er Jahren bis Anfang der 2000er Jahre gewandelt hat von einem verschlossenen, restriktiven Land zu einem Global Player.

„Tokio“, Tokio 1958. Foto: Marc Riboud

„Anders als heute konnten seine Aufpasser damals die Bilder auf den Filmen nicht schon in der Kamera begutachten. Allerdings wusste auch er selbst erst, wenn die Filme entwickelt und die Kontaktabzüge fertig waren, ob von den 36 Aufnahmen des Filmes etwas Verwertbares dabei war“, so Böhmer über Ribouds Arbeitsbedingungen. Auch diesen Aspekt der Veränderung greift Böhmer in der Ausstellung auf.

Neben den gerahmten Abzügen fand sie im Marc-Riboud-Archiv in Paris auch seine erste Leica-Kamera, seinen ersten chinesischen Presseausweis und vor allem wertvolle Kontaktabzüge. Zum Beispiel von der amerikanischen Friedensaktivistin mit Blu-me — das Bild, das um die Welt ging, war das letzte Bild auf dem 36er-Film. Eine dicke rote Umrandung markiert seine Auswahl.

"Straße zum Khyber-Pass", Afghanistan 1955. Foto: Marc Riboud

Die Würde, die Kraft, die Schönheit

Ribouds Bilder sind Zeitzeugen einer Welt, die junge und mittelalte Europäer gar nicht mehr kennen: ärmlichste Verhältnisse in Pariser Vororten, trostlose Industriestädte im Nachkriegseuropa, in Einheitskleidung gesteckte Chinesen während der Kulturrevolution. Doch bei aller bildjournalistischen Herangehensweise übernimmt Ribouds liebevoller Blick auf die Menschen stets die Regie. Nicht Mitleid ist die Intention seiner Bilder, sondern immer die Würde, die Kraft und die Schönheit seiner Protagonisten herauszuarbeiten.