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Aachen: Die Bilder treffen nicht ins Herz

Aachen : Die Bilder treffen nicht ins Herz

Theater für den Kopf, nicht für die Sinne: So kann man die erste, durchaus prägnante Regiearbeit von Ludger Engels am Theater Aachen umschreiben - und das bei einem Thema, das eigentlich große Gefühle anspricht.

Immerhin handelt es sich bei Leo Tolstois „Anna Karenina” um eine der berühmtesten Liebesgeschichten der Welt. Akustische Probleme waren das kleinste Manko: Engels kühler, überfrachteter Regiestil, der starke Hang zu szenischen Figurenformationen und die problematische Bühnenübersetzung des Romans durch Ann-Marie Arioli führen zu einem unerwarteten Ergebnis:

„Anna Karenina” lässt einen völlig kalt. Typische Szene: Wenn Anna (Ernestine Tzavaras) traurig ist, dann zeigt sie das nicht mit den Mitteln des Schauspiels, sondern stimmt ein Lied an: „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand” - das mag zwar zum CHIO-Gelände bestens passen, als Gefühlsbezeugung ist es nur eine Ersatzhandlung. Oder: Wenn Kitty (Franziska Olm) Liebeskummer hat und verzweifelt ist, dann sieht man ihr das nicht an, stattdessen verkündet der Fürst (Heino Cohrs) ihre derzeitigen Gefühle - wiederum als Ersatz für das Spiel.

Es muss eine Heidenarbeit gewesen sein, Tolstois romantisch-historischen Monumentalschinken in eine Bühnenversion zu überführen. Arioli hat ein Beziehungsdrama extrahiert: mit Anna im Dreieck zwischen Mann Alexej Karenin und Geliebtem Wronskij, den Paaren Konstantin Lewin und Kitty sowie Dolly und Stiwa, die allesamt große Probleme haben, ihr Liebesglück zu finden.

Stark auf Distanz

Arioli indessen löst die Romanvorlage nicht vollständig in Dialoge auf, sondern belässt eine Menge an erzählerischen Elementen: Die Szenen werden von außen kommentiert, die Figuren sprechen in der dritten Person über sich. Das baut beim Zuschauer eine solch starke Distanz auf, dass das Eigentliche, das Nachempfinden von Emotionen, das Nachfühlen des Lebens anderer Menschen auf der Strecke bleibt. Gefühle werden behauptet, nicht ausgespielt.

Die weitgehend leere Bühne (Volker Thiele) aus hellem Holz, an drei Seiten von Zuschauerrängen umrahmt, ist von monumentalem Ausmaß und bildet eine gewaltige Rutschbahn (des Lebens), auf der die Akteure akrobatische Fähigkeiten beweisen müssen.

Engels setzt Elemente ein, die man eher aus dem Musiktheater kennt, die hier aber aufgesetzt wirken: choreographierte Figurenformationen - fast tänzerisch gleitet das Ensemble auf Schlittschuhen ein -, chorische Sprechgesänge und szenische Bilder, die ein wenig am Hirn kratzen, aber nicht ins Herz treffen: Kittys Hochzeits-Schleier aus dünner Folie überwölbt die gesamte Bühne - Schleier über alles Gewesene, das Paar findet im Kompromiss zu sich selbst.

Einsamkeit und Isolation symbolisiert der enge, abgeschlossene Raum von aufgeblähten Folienblasen, in denen die Figuren eingezwängt sind und taumeln. Die sehr viel direkteren Möglichkeiten und Mittel des Schauspiels kommen demgegenüber gar nicht erst zum Zuge.

Musik (Nico Huijbregts) wird eingesetzt mit elektrischer Gitarre, Orgel und Cello (Illa Tönnies). Engels überfrachtet seine Regie mit Aktionen, die mit der Beziehungslage der Personen nichts zu tun haben: So turnen die Akteure im Gespräch und üben den Bocksprung, rutschen im Badeanzug die Wasserrutsche herunter oder plantschen im Pool.

Auch nach der Pause sind es allenfalls nur isolierte Gesten, die gespielt werden. Splittrig abfolgende Momentaufnahmen des Beziehungsgeflechts ohne Übergang und Zusammenhang vermitteln ein nur abstraktes Gefühlsgeschehen zwischen den Figuren. Selbst zwischen Anna und Wronskij wird keinerlei Entwicklung spürbar.

Die sympathischen Ensemblemitglieder kann man nur bewundern, wie sie ohne Rücksicht auf Verluste all die Rollen und Überschläge die Rutschbahn herunter vollführen. Ihr körperlicher Einsatz wird mit lang anhaltendem, kräftigem Applaus belohnt. Im eigentlichen Metier allerdings werden sie ihr Können hoffentlich noch beweisen können (überflüssig bei Heino Cohrs, versteht sich): Ernestine Tzavaras als Anna, Karsten Meyer als Karenin, Cornelia Lippert als Fürstin, Silvester von Hösslin als Wronskij, Samuel Zumbühl als Stiwa, Judica Albrecht als Dolly, Franziska Olm als Kitty, Cornelia Dörr als Wara, Hauke Heumann als Konstantin und Jens Wachholz als Nikolai.

Heino Cohrs, der seinem Part mit dem ihm eigenen ironischen Unterton weit mehr entlockt als tatsächlich drinsteckt, erhält Sonderapplaus. Die Aufführung dauert inklusive Pause ermüdende dreieinhalb Stunden. Die Premiere war nicht ausverkauft.