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Aachen: Die Avantgarde schlechthin

Aachen : Die Avantgarde schlechthin

Er repräsentiert wie kaum ein anderer ein wichtiges Kapitel der deutschen Kunstgeschichte, etliche seiner ehemaligen Studenten sind weltberühmt geworden, sie verehren ihn bis heute hin: Karl Otto Götz.

Am kommenden Sonntag wird der gebürtige Aachener Künstler 90 Jahre alt. Die beiden Aachener Museen Ludwig Forum und Suermondt-Ludwig-Museum würdigen den Jubilar ab dem 27. März mit einer Doppelausstellung seines Gesamtwerks.

Professor in Düsseldorf

In den sechziger Jahren half Götz als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie einem Gutteil der deutschen Nachkriegskunst auf die Beine: Sigmar Polke, Gerhard Richter, HA Schult und wie sie alle heißen. Zu diesem Zeitpunkt galt er bereits als einer der wichtigsten Vertreter der vorherrschenden Kunstrichtung, der informellen Malerei, genauer: der nichtgeometrischen abstrakten Kunst.

Karl Otto Götz, das war die Avantgarde schlechthin. Er stand für eine künstlerische Position, die nach dem Tod des Geisteslebens und dem Chaos des Krieges den Neuanfang suchte, indem sie jeglicher politisch, religiös, sozial oder wie auch immer geprägter Bildsprache abschwor. Gleichwohl vermochte diese radikal entgrenzte Position unerhört tiefgreifend, spirituelle und intellektuelle Befürfnisse anzusprechen.

Es war der Geltungsanspruch einer vollkommenen Befreiung, die nach den Jahren der Verfolgung und Gleichschaltung in der Abstraktion die totale Autonomie der Kunst hervorbrachte. Kein Wunder, dass Götz als Repräsentant dieser „antiautoritären” Richtung bei der künstlerischen Jugend viele Anhänger fand, einer Jugend, die keine „Vorbilder” mehr suchte und brauchte, sondern die Realisierung der eigenen Freiheit anstrebte. Mit dieser Haltung wurde Karl Otto Götz im Nachkriegsdeutschland indirekt so zu einem der Väter der künstlerischen Vielfalt auch unserer Tage.

Die Familie Götz stammt aus Sachsen, sie verschlug es nach Aachen, wo Karl Ottos Vater als Textilkaufmann arbeitete. Er wollte ursprünglich einmal Bildhauer werden, dem Sohn gab er entscheidende Impulse mit auf den Weg. Die Kunstbegegnung im Aachener Suermondt-Museum gibt Götz heute als kindliches Schlüsselerlebnis an, selbst einmal das künstlerische Handwerk zu ergreifen, das er an der Kunstgewerbeschule in Aachen dann auch erlernt.

Ab 1933 wagt es Götz nicht mehr, seine abstrakten Versuche mit dem eigenen Namenszug zu signieren, der Umriss einer fliegenden Möwe symbolisiert stattdessen den freiheitlichen Ausdrucksdrang. Trotz Mal- und Ausstellungsverbot schafft Götz im Geheimen weiter. Nach dem Krieg lebt er zunächst in der Nähe von Hameln, in den Fünfzigern in Frankfurt und Paris, seit 1975 in Wolfenacker im Westerwald. Ab 1959 lehrt er bis 1979 als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, 1965 heiratet er die Studentin Rissa.

Nicht nur zur weithin verstreuten deutschen Künstlerschaft nimmt Götz nach 1945 verstärkt Kontakt auf: 1949 laden ihn die drei COBRA-Maler Constant, Corneille und Appel zu ihrer ersten Ausstellung ins Stedelijkmuseum Amsterdam ein, Götz bleibt das einzige deutsche Mitglied der Gruppe.

Die totale Auflösung der Formen, die „Explosion der Malerei”, die er in diesen Jahren sucht, er-reicht er 1952 mittels einer ganz bestimmten Technik. In Schichten aus Kleister und Farbe streicht er mit einer Gummileiste wie mit einem Messer hinein und reißt die Farbe förmlich auf - Malen wird zu einer Sache von Sekunden. Später nimmt er einen besenähnlichen „Rakel”, zusammengebaut aus einer Vielzahl von Pinseln, mit dem er ganze Farbbahnen schwungvoll zu wahren Sturmböen verwirbelt. Tausende von Bildern sind über die Jahrzehnte auf diese Weise entstanden.

Einen kleinen Eindruck davon kann man sich bereits jetzt - wie berichtet - im Duisburger Museum Küppersmühle verschaffen: „Hommage an Karl Otto Götz”, Philosophenweg 55, bis 18. April. Mi. 14-18, Do.-So. 11-18 Uhr, Eintritt: 2 Euro.

Infos im Internet:
http://www.museum-kueppersmuehle.de
http://www.ludwigforum.de
http://www.suermondt-ludwig-museum.de