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Hamburg: „Deutschlehrer” Bastian Sick nimmt Udo Jürgens unter die Lupe

Hamburg : „Deutschlehrer” Bastian Sick nimmt Udo Jürgens unter die Lupe

Der eine ist so eine Art „Deutschlehrer der Nation”, der andere ist ein großer Schlagerstar. Beide verbindet offensichtlich die Liebe zur deutschen Sprache und ihrer korrekten Verwendung. Nur so ist die Entstehung des neuen Udo-Jürgens-Albums „Lieder voller Poesie” zu verstehen, für das der 41 Jahre alte Bestsellerautor Bastian Sick ( „Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod” ) 19 Lieder des Musikers ausgewählt hat.

Dabei kam die Zusammenarbeit zunächst eher zufällig zu Stande: Vergangenes Jahr sei er als Sprachkritiker während eines Interviews gefragt worden, wer denn überhaupt noch korrekt mit Sprache umgehen könne.

Da sei ihm spontan Udo Jürgens eingefallen, sagt der Autor und Journalist. Kurz darauf habe Jürgens´ Plattenfirma bei ihm angerufen und gefragt, ob er Lust habe, ein Album mit seinen persönlichen Lieblingstiteln des Schlagersängers zusammenzustellen und zu kommentieren. Er hatte Lust, und so entstand die „Fan-CD”, wie Sick die soeben erschienene Platte bezeichnet.

Schon im ersten Band seiner inzwischen millionenfach verkauften Sprachfibel (seit 2004 sind drei Folgen erschienen) hatte der Wahl- Hamburger Sick angedeutet, dass er große Stücke auf den Österreicher Jürgens hält. Anders als beispielsweise die bayerische Schlagersängerin Nicki mit „Wegen dir” (1986) oder der Hamburger Soul-Eindeutscher Stefan Gwildis mit „Nur wegen dir” (2005) hat Jürgens seit zwei Jahrzehnten ein Liebeslied mit dem Titel „Deinetwegen” im Repertoire.

So heißt es nämlich richtig, und das ist dem Grammatikapostel ebenso positiv aufgefallen wie der richtige Gebrauch des Irrealis im Song „Wärst du nicht du” (1977), einer „Ode an den Konjunktiv”, oder der stringente Aufbau von „Du” (1983), einem „Meisterwerk der Symmetrie”, wie Sick im Beiheft der CD schwärmt.

Die guten Noten von „Deutschlehrer Sick” muss sich der Chansonnier und „Kreuzritter im Namen der deutschen Sprache” allerdings teilen. Die weitaus meisten Kompositionen aus seiner Feder haben Textdichter wie Michael Kunze, Wolfgang Hofer oder Fred Jay komplettiert. Über 900 Lieder sind über die Jahre entstanden. Für Sick bedeutete dieser Fundus die Qual der Wahl: Bei 19 Songs musste er Schluss machen, der Silberling ist mit weit über 70 Spielminuten fast bis an den Rand gefüllt.

Um solch einen Berg überhaupt bewältigen zu können, konzentrierte sich Sick letztlich auf Balladen und Songs, die nie das Licht der Hitparaden gesehen haben - nur „Merci Cherie” ist eine Ausnahme. Dieses Liebeslied, mit dem der damals 31-jährige gebürtige Klagenfurter den Eurovisions-Titel für sein Heimatland gewann (1966), schaffte es zwar bis auf den vierten Platz der deutschen Charts, wurde bisher aber noch nie in der Originalversion auf CD veröffentlicht.

Gleiches gilt für „Ich frage nicht” (1968), für „Auch in Warschau blüht der erste Flieder” (1974), für „Wien” (1979) - und für alle Songs galt, dass sie Sick jenseits aller grammatischen Analyse berühren mussten, um ausgewählt zu werden.

Genau diese subjektive Herangehensweise ist es, die die Songzusammenstellung aus der Masse der „Best-of” -Alben mit den üblichen Udo-Jürgens-Evergreens „Aber bitte mit Sahne”, „Griechischer Wein” oder „Ich war noch niemals in New York” herausstechen lässt. Vor allem ältere Fans, die Jürgens´ Weg schon lange verfolgen, dürfte diese Auswahl begeistern; das 36-seitige Booklet mit den (leider sehr klein gesetzten) Erklärungen des studierten Philologen ist das i- Tüpfelchen, das die CD zu einer echten Besonderheit macht - auch wenn etwas mehr kritische Distanz schön gewesen wäre.