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Aachen: Der schmerzliche Weg in den Alltag: „Elling” im Grenzlandtheater

Aachen : Der schmerzliche Weg in den Alltag: „Elling” im Grenzlandtheater

Wenn Kjell Barne nicht mehr weiter weiß, wenn ihn die Verzweiflung packt, der Schweiß ausbricht und die Angst über ihm zusammenschlägt, knallt er mit seinem Glatzkopf gegen die Wand und läuft rot an.

Das tut schon beim Hinsehen weh. Befällt Elling dieses schreckliche Gefühl der Hilflosigkeit, zucken seine Gesichtsmuskeln, hat man den Eindruck, er steht unter Strom.

In Axel Hellstenius Schauspiel „Elling”, das der Kölner Regisseur Harald Demmer für das Grenzlandtheater Aachen sensibel inszeniert hat, verkörpert Harald Pilar von Pilchau den feinsinnigen Titelhelden. Sein Gegenüber Kjell wird von Volker Niederfahrenhorst dargestellt.

Von Anfang an spielen Akteure und Regie mit dem, was die beiden einerseits verbindet und sie andererseits trennt. Hier der tumbe, einspurige, aber durchaus gefühlvolle im Reden ungeübte Kjell, dort der zerfahrene, nervend eloquente und grüblerische Elling.

Beide kämpfen sie nicht nur mit dem ungewohnten Alltag, sie ringen auch mit der so genannten „Normalität”, mit ihren Obsessionen, unerfüllten Wünschen und zum Teil abstrusen Vorstellungen.

Da wird ein Essen im Restaurant zum heldenhaft erfochtenen Sieg, gibt es tiefste Verzweiflung, wenn das Telefon fordernd klingelt.

Pilar von Pilchau und Niederfahrenhorst gelingt eine Gratwanderung: Sie zeichnen die Skurrilität der Figuren bis hin zum unterschiedlichen Bewegungsverhalten nach, ohne ihnen die Würde zu nehmen. Man darf über sie lächeln, aber sie werden nicht ausgelacht.

Als Sozialarbeiter Frank bietet Holger Irrmisch den Kontrast zu seinen „Schützlingen”, fegt ihre Zögerlichkeit mit flotten Sprüchen beiseite -Êund merkt erst beim eigenen Kummer, wie verletzend das sein kann.

Drei ganz unterschiedliche Gesichter zeigt Carmen Heibrock als konsequente Schwester Gunn, als flotte Kellnerin und als unglücklich-schwangere Reidun, die in Kjell und Elling betrunken in die Arme fällt und den beiden in ihrer Schwäche unerwartet Halt gibt.

Charles Copenhaver schuf den deprimierenden Raum der Sozialwohnung, die langsam aber sicher zum Zuhause der beiden wird, Heike M. Schmidt zog die Akteure typgerecht an, wobei Kleidung von der biederer Latzhose mit Pudelmütze bis zum eingelaufenen Pollunder „Signalwirkung” für den jeweiligen Typ hat.

In gut gearbeiteten, vielschichtigen Strukturen entwickelt sich Demmers Regie. Insgesamt eine Inszenierung, die nachdenkliche und unterhaltene Elemente geschickt verknüpft und mit vielen stillen Momenten arbeitet. Kräftiger Premieren-Beifall.