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Aachen: Der Literaturkritiker als Marktschreier: Sigrid Löffler im Interview

Aachen : Der Literaturkritiker als Marktschreier: Sigrid Löffler im Interview

Sie gehört zu profiliertesten Literatur- und Kulturkritikern in Deutschland: Sigrid Löffler hat nicht nur beim „Literarischen Quartett”, dessen festes Mitglied sie lange Jahre war, ihre Meinungsstärke unter Beweis gestellt.

Im Jahr 2000 stieg sie nach einem großen Krach mit Marcel Reich-Ranicki aus und gründete die Zeitschrift „Literaturen”, ein „Journal für Bücher und Themen, das einmal im Monat erscheint.

Jetzt war Sigrid Löffler auf Einladung der Sparkasse in Aachen, um über die aktuelle Buchszene zu referieren. Mit ihr sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge.

Am kommenden Dienstag fordert Elke Heidenreich im ZDF wieder zum „Lesen!„ auf. Werden Sie sich das anschauen?

Sigrid Löffler: Ich habe die Sendung noch nie gesehen. Ich gucke sehr wenig Fernsehen.

Die Menschen folgen bereitwillig Heidenreichs Empfehlungen und kaufen wie wild die Bücher. Sind TV-Formate wie „Lesen!„ notwendig?

Löffler: Sie haben sicherlich eine starke Wirkung auf das Kaufverhalten - allerdings nur darauf, denn wer weiß schon, ob die Leute die Bücher auch lesen.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst beim „Literarischen Quartett„ gemacht?

Löffler: Wenn alle vier unisono ein Buch gelobt haben, dann hat der Buchhandel es anderntags gespürt. Zu seinen besten Zeiten konnte das Quartett in der Tat auch ganz unbekannte Autoren über Nacht auf dem Markt durchsetzen, etwa Ruth Klüger oder Javier Marías.

Was halten Sie von der „Methode Heidenreich„?

Löffler: Ich habe gehört, dass sie nur lobt. Damit macht sie sich zum verlängerten Arm der Marketingabteilungen der Verlage. Die sind darüber beglückt. Mit Literaturkritik hat das natürlich nichts zu tun.

Will heißen?

Löffler: Der Kritiker vergleicht, erwägt Stärken und Schwächen eines Buches, erkennt und bewertet das Neuartige an einem Text. Sein Urteil muss er begründen und objektivieren. Er darf nicht in seinen persönlichen Vorlieben befangen bleiben. Reine Geschmacksurteile sind von vornherein laienhaft. Aber als Gratis-Werbespots für Bücher kann man solche Sendungen allenfalls durchgehen lassen.

Wie bewerten Sie allgemein den Zustand der Literaturkritik in Deutschland?

Löffler: Die Literaturkritik ist heute nur noch für einen Teilbereich der Neuerscheinungen zuständig, nämlich für die Belletristik im strengeren Sinn - also für die „schöne Literatur„ - und für das seriöse Sachbuch. Bei allem, was sonst so auf den Markt kommt, vor allem bei Bestsellern, kann die Literaturkritik nur die eigene Ohnmacht feststellen. Dort gilt ihr Wort nichts. Leider ist zu merken, dass die Glaubwürdigkeit der Kritik sogar in ihrem Restrevier abnimmt - weil sie sich immer öfter in die Werbekampagnen der Verlage einspannen läßt und die Martkschreier-Rolle übernimmt.

Ist das ein neueres Phänomen?

Löffler: Ja. Die Markthysterie der Verlage ist auch eine Folge der Überproduktionskrise und des mörderischen Verdrängungswettbewerbs. Bücher werden als Medien-Events inszeniert, und die Zeitungen spielen dabei mit. Statt selber interessante Neuerscheinungen zu entdecken, orientieren sich die Medien an der Verlagspolitik und setzen auf jene Titel, die ohnehin am heftigsten beworben werden. Dieser Trend zum Mainstream schadet der Kritik.

Ihr Magazin „Literaturen„ ist ein Gegenentwurf?

Löffler: In der Tat.

Ein erfolgreicher?

Löffler: Zum Glück sehr erfolgreich. „Literaturen„ ist eine Art Referenzmedium für Buchleser geworden, weil es eine verlässliche Qualitätsauswahl interessanter Bücher bietet und sie unterhaltsam diskutiert. Die Auflage steigt immer noch. Sie ist vom jeweiligen Schwerpunktthema abhängig. Verblüffend ist, dass sich oft gerade anspruchsvolle Themen überraschend gut verkaufen.

In der Nische lässt sich also gut leben.

Löffler: Ja. Leser verlangen nach Orientierung auf dem unübersichtlichen Buchmarkt, nach Navigation, nach glaubwürdig urteilenden Kritikern. „Literaturen„ macht andere, eigene Leseangebote, die nicht blindlings dem Mainstream folgen.

Sie schlagen also eine andere Schneise durch den Dschungel der Neuerscheinungen.

Löffler: Das ist bei mehr als 80.000 deutschsprachigen Neuerscheinungen pro Jahr auch notwendig. Wir stellen Bücher zur Diskussion, die gerade für Leser, die mit ihrer Zeit geizen, interessant und wichtig sein könnten. Mit Mittelmaß behelligen wir sie gar nicht erst.

Es gibt einen weiteren Weg, den Lesern eine Richtschnur zu geben. Marcel Reich-Ranicki verkauft seinen „Kanon der deutschen Literatur„ sehr gut, und die Süddeutsche Zeitung bringt 50 von ihren Feuilleton-Redakteuren ausgewählte Romane auf den Markt. Was halten Sie davon

Löffler: Die „Süddeutsche„ imitiert damit nur ein Marketingkonzept, das andere Zeitungen in Europa erfolgreich vorgemacht haben: Mit billigen Klassikern als Draufgabe sollen Abonnenten geködert werden. Der Buchhandel ist davon nicht erbaut. Und mit Kanon hat das nichts zu tun.

Kann es einen verbindlichen Literaturkanon überhaupt noch geben?

Löffler: Nein, denn die Voraussetzungen dafür sind nicht mehr gegeben. Es fehlt die gesellschaftliche Verbindlichkeit, es fehlt die kulturelle Hegemonie eines Bildungsbürgertums, das sich auf bestimmte Kunstwerke als maßstäblich verständigt. Die Gesellschaft ist heute in lauter Teilöffentlichkeiten aufgesplittert, mit jeweils unterschiedlichen kulturellen Standards. Jeder Konsument macht sich seine persönliche Hitliste.

Bedauern Sie das?

Löffler: Im Gegenteil. Ich begrüße es. Der heutige Leser emanzipiert sich zunehmend von autoritären Figuren, die ihm ein schlechtes Gewissen machen und vorschreiben wollen, was er gelesen haben muss. Das kann jeder für sich entscheiden. Selber entdecken macht auch viel mehr Spaß.

Wenn also jemand wie Reich-Ranicki eine Auswahl von Büchern als Kanon verkauft, ist das tatsächlich kein Kanon.

Löffler: Nein. Das sind unmaßgebliche Vorlieben kanonisierender Privatleute.

Der Erfolg ist da.

Löffler: Mag sein. Es hat ja jeder das Recht, mit seinen Favourites auf dem Marktplatz hausieren zu gehen. Nur sollten die Käufer wissen, dass das nichts mit Kanon zu tun hat. Der Kanon ist vor allem eine Machtfrage. Niemand hat heute die Macht, einen Kanon durchzusetzen. Wer aber eine Bücherliste dekretieren will, ohne die Macht, sie durchzusetzen, der macht sich lächerlich. Etwas anderes sind die Bücherlisten, die es an den Schulen und Hochschulen gibt und geben muss. Das würde ich aber nicht Kanon nennen, sondern Curriculum.

Wie sehen Sie die Zukunft des Buches?

Löffler: Der Wettstreit der Freizeitbeschäftigungen hat stark zugenommen - vor allem, seit es Privatfernsehen gibt. Das bedeutet eine große Konkurrenz fürs Lesen. Ich bin aber kein Kulturpessimist. Das Lesen wird bleiben.

Wird auch das Buch bleiben?

Löffler: Das E-Book hat sich nicht durchsetzen können. Kein Mensch hat Lust, so ein empfindliches technisches Gerät mit sich zu schleppen, wo doch das Buch viel knuddeliger ist, am Strand, im Bett oder in der Badewanne.

Was ist mit dem Hörbuch?

Löffler: Das hat sich erstaunlich gut entwickelt. Das ist sozusagen die technische Neufassung des arabischen Märchenerzählers. Eine gute Sache.

In den vergangenen Monaten haben einige Schriftsteller nicht durch ihre literarische Qualität Schlagzeilen gemacht, sondern dadurch, dass ihre Bücher per Gericht verboten wurden, weil darin beschriebene Menschen ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sahen. Maxim Biller und Alban Nicolai Herbst ist es so ergangen. Wie bewerten Sie die Urteile?

Löffler: Mit diesem Thema „Was ist privat? Was darf die Kunst?„ beschäftigt sich das März-Heft von „Literaturen„. Ich denke, dass die Klagen gegen die Romane von Herbst und Biller gerechtfertigt sind. Diese Autoren haben sich mit Verfremden und Verschleiern, also mit der Fiktionalisierung ihres Privatlebens, zu wenig Mühe gegeben. Aber natürlich haben Schriftsteller immer schon ihre Nächsten als literarische Modelle benutzt - oder missbraucht.

Steckt da nicht auch die Lust am Skandal dahinter?

Löffler: Kann sein, dass hier sogar geliebäugelt wurde mit der Wiedererkennbarkeit von Romanfiguren, dass da ein bisschen mit dem Skandal kokettiert wurde. Sicher aber haben weder Biller noch Herbst im Entferntesten damit gerechnet, dass ihre Bücher tatsächlich verboten werden könnten. Das hat ihnen unendlich geschadet. Vielleicht macht das andere Autoren vorsichtiger. Ich glaube, die Strenge der Gerichte neuerdings hängt zusammen mit dem zunehmenden Exhibitionismus in den Medien. Je hemmungsloser der Medien-Voyeurismus, je größer die Outing-Gier von Möchtegern-Promis, desto stärker neigt die Justiz zum Schutz der Privatsphäre des Einzelnen.

Was ist mit Bohlen, Effenberg, Becker und den anderen Promis, die Bücher veröffentlichen?

Löffler: Das ist höchstens als neue Marketing-Strategie interessant. Mit dem Radaubuch wird jetzt die Verwertungskette zwischen Trash-Fernsehen, Klamaukpresse und Multimedia-Konzern geschlossen. Das muss den Literatur-Fan aber nicht beunruhigen. Das sind Nicht-Bücher für Nicht-Leser, die zirkulieren in anderen Galaxien als die Bücher für Leser.

Was halten Sie von dem Argument: Hauptsache, die Leute lesen!

Löffler: Das ist als volkspädagogisches Argument nicht haltbar. Trash-Biografien sind keine Einstiegsdrogen in die Literatur. Aus einem Bohlen-Käufer wird im Leben kein Günter-Grass-Leser. Umgekehrt nehmen Beckers oder Effenbergs Bekenntnisse der Literatur aber auch keinen einzigen Käufer und Leser weg.