„Im Westen nichts Neues“ von E. M. Remarques: Der Krieg tötet nicht nur, er raubt den Menschen ihre Würde

„Im Westen nichts Neues“ von E. M. Remarques : Der Krieg tötet nicht nur, er raubt den Menschen ihre Würde

Tief getroffen lässt Erich Maria Remarque (1898-1970) den Leser zurück, obwohl der doch ahnen musste, dass sein Held Paul Bäumer nicht zu retten sein würde.

„Er fiel im Oktober 1918, an einem Tage, der so ruhig und still war an der ganzen Front, dass der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden.“ Mit dieser fast lapidaren Feststellung beendet der in Osnabrück geborene Schriftsteller das Leben des Frontsoldaten Bäumer und damit seinen Antikriegsroman „Im Westen nicht Neues“.

Bäumers Erlebnisse und Gedanken, die Remarque in seinem Roman schonungslos und gerade heraus schildert, berühren auch und gerade 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Millionen Leser, nicht nur in Deutschland. „Im Westen nichts Neues“ wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt. Jedes Jahr erscheinen noch immer in vielen Ländern der Erde Neuauflagen – bei Kiepenheuer & Witsch zuletzt 2014 zum hundertsten Jahrestag des Kriegsbeginns mit einer Materialsammlung und einem Nachwort des Remarque-Spezialisten Thomas F. Schneider.

Remarques Botschaft ist eine klar pazifistische: Der Krieg tötet nicht nur, er raubt den Menschen ihre Würde und ihre Menschlichkeit und darf kein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein. Denn auch die Überlebenden hinterlässt er als verlorene, zerstörte Generation. In seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ lässt er Paul Bäumer sinnieren: „Wenn wir jetzt zurückkehren, sind wir müde, zerfallen, ausgebrannt, wurzellos und ohne Hoffnung. Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden können.“


Von den Nazis verbrannt


Remarque stützt den reportageartigen Roman auf seine eigenen Erfahrungen in sechs Wochen Westfront im Jahr 1917. Vor allem aber liegen ihm die Gespräche mit Kameraden zugrunde, die er nach seiner Verletzung im Lazarett geführt hat. Erstmals erschien das Werk genau zehn Jahre nach Kriegsende im November 1928 als Vorabdruck in der „Vossischen Zeitung“. 1933 wurde es bei den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen ins Feuer geworfen.

Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ ist ein Klassiker der Weltliteratur. Foto: kiepenheuer und witsch/kiepenheuer und Witsch

Der Schriftsteller hat auch als Journalist und kurzzeitig als Lehrer gearbeitet. Ihm sei es gelungen, die Auswirkungen der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, von Kriegen und Krisen auf den einzelnen Menschen so eindringlich zu schildern, dass dies noch heute Gültigkeit habe, sagt Thomas Schneider, Leiter des Erich-Maria-Remarque-Zentrums in Osnabrück. „Er ist ein Klassiker der Weltliteratur.“

Remarque differenzierte, wie der Literaturwissenschaftler sagt: „Seine Figuren haben immer Stärken und Schwächen.“ Er habe nach dem Zweiten Weltkrieg – etwa in „Der Funke Leben“ über die letzten Wochen in einem Konzentrationslager – einem Weltpublikum vermittelt, dass Deutsche nicht nur Täter, sondern auch Opfer seien. „In einer Zeit, in der die Deutschen als die Barbaren schlechthin galten.“


Von den Nazis verfolgt


Dabei war der Autor selbst in seiner Persönlichkeit durchaus zwiespältig, sein Leben manchmal schillernd. Remarque, als Erich Paul Remark geboren, verpasste sich früh den französisch angehauchten Künstlernamen. Der Journalist Wilhelm von Sternburg beschreibt ihn in seiner Biografie „Als wäre alles das letzte Mal“ als einen im Innern zerrissenen Menschenfreund. Reichtum und Ruhm hätten zu Alkoholexzessen, Depressionen und einem ausschweifenden Liebesleben geführt. Er habe unter künstlerischen Selbstzweifeln gelitten.

Auch die Tatsache, dass er mit seinem Schreiben einen neuerlichen, noch verheerenderen Krieg nicht hatte verhindern können, habe ihm zu schaffen gemacht, urteilt Schneider. Von den Nazis verfolgt, emigrierte Remarque zunächst in die Schweiz, 1939 in die USA. Später lebte er abwechselnd in den USA und in der Schweiz, wo er 1970 starb.

Remarques Held Bäumer war schon bald nach den ersten Fronterfahrungen desillusioniert. Am Ende war es genug - mehr konnte er nicht ertragen. So beschreibt Remarque den Toten: „Als man ihn umdrehte, sah man, dass er sich nicht lange gequält haben konnte. Sein Gesicht hatte einen so gefassten Ausdruck, als wäre er beinahe zufrieden damit, dass es so gekommen war.“