„Der Kaufmann von Venedig“ am Theater Aachen

„Kaufmann von Venedig“: Der Spaß einer verkorksten Gesellschaft

William Shakespeares Komödie „Der Kaufmann von Venedig“ wird in Aachen von Ewa Teilmans inszeniert. Sie möchte mit ihrer Inszenierung ein Zeichen gegen Hass auf Fremde setzen. Doch diese Absicht wird von allzu hektischem Treiben auf der Bühne überlagert.

Was für eine verkorkste Gesellschaft! Gierig, selbstverliebt, skrupellos, mitleidlos und weinerlich. Hier eine Intrige, da eine boshafte Spielerei, dazwischen ein paar Anzüglichkeiten – man hat ja sonst keinen Spaß: William Shakespeares Stück „Der Kaufmann von Venedig“ hat Ewa Teilmans für die Bühne des Aachener Theaters inszeniert. Die Geschichte ist kompliziert und wirft Fragen auf, die in der Regie episodenhaft in Bilder und Aktionen umgesetzt werden.

Das ist ambitioniert, zeigt ein spielfreudiges Ensemble und einen Feinschliff, der jede Handbewegung einschließt, aber genau das ist gleichzeitig das Problem im Laufe der drei Stunden. Wobei der erste Teil mit zwei Stunden selbst vom Publikumssessel aus anstrengend ist. Man fragt sich mehr und mehr, worum es eigentlich geht. Da gibt es wiederholt ein unübersichtliches Getümmel, reizt Ewa Teilmans detailverliebt einige Aspekte derart aus, dass die Kernstory aus dem Blickfeld gerät.

Soetkin Elbers, die wunderschön singt und als verhärmte „Love“ durch eine Gesellschaft ohne Liebe wandern muss, ist als Zusatzfigur nur verständlich, wenn man im Programm nachliest. Musik als Mahnung oder als Grabgesang für den Untergang dieser Gesellschaft?

Lästig ist die Tendenz einiger Akteure, unklar zu artikulieren und Textstellen regelrecht zu vermurmeln. Das eher düstere Bühnenbild von Andreas Becker (auch Kostüme) bietet den Rahmen für die Handlung. Ein rotierender Kubus sorgt für raffinierte Szenenwechsel zwischen dem protzigen Venedig mit grellrotem Markus-Löwen, Belmont, dem exklusiven, neonhellen Ort der reichen Müßiggänger, und dem Haus des Shylock – eine Festung, die nicht schützt.Die Akteure tragen Gegenwartskleidung mit Signalwirkung – Shylock im Business-Anzug, die Venedig-Clique bunt mit viel Rosa, fließende Stoffe im teuren Belmont.

Der Jude Shylock wird als Außenseiter verhöhnt, mit Schmähreden verfolgt, die „Judenhasser“ kultivieren ihre Attacken – ist das Antisemitismus oder Mobbinghetze, weil den faulen Nichtsnutzen der erfolgreiche Geschäftsmann ein Dorn im Auge ist? Torsten Borm ist als Shylock ein grandioser Darsteller, der sich immer wieder von den jeweiligen Hetzgruppen absondert. Man sieht diesem Shylock an, dass er nahezu implodiert, bis zum Zerreißen angespannt ist.

Bassanio, aalglatt und wendig von Alexander Wanat dargestellt, verjubelt sein Vermögen und lässt sich dann von seinem Geliebten Antonio, einem in die Jahre gekommenen Kaufmann, durch einen Risikokredit finanzieren. Rainer Krause gibt Antonio eine larmoyante Trägheit, einer, der alles laufen lässt, nach den Knaben greift, herumjammert und in jeder Hinsicht lasch ist. Er explodiert nur einmal hysterisch – als ihm Shylock ans Fleisch will, um sich sein „Pfand“ zu nehmen, wie es im Vertrag steht: Der säumige Schuldner muss körperlich haften.

Was ist nun mit dem Hass auf das Fremde, Rassismus und Antisemitismus? Ewa Teilmans äußert sich im Programmheft sehr direkt dazu und dass sie mit ihrer Interpretation ein Zeichen setzen möchte. Das ist ehrenhaft und wichtig, aber bei der Inszenierung wird die mutige Absicht häufig von hektischem Treiben verschüttet.

Wenn Bassanios üble Freunde (Hermann Killmeyer, Tommy Wiesner, Thomas Hamm) als schrille Gruppe mit tuntenhaften Anwandlungen quiekend über die Bühne hüpfen, fragt man sich einfach nur, was das soll. Jessica, Shylocks Tochter (Petya Alabozova) wirkt in all dem Wirbel verloren. Petya Alabozova zeigt den Wandel vom braven Mädchen zum lebenshungrigen Partygirl, wobei die heiße Liebe zum eher täppisch grapschenden Lorenzo (Ognjen Koldzic) nicht so recht nachvollziehbar ist. Wiederholt geschieht der Ortswechsel nach Belmont, wo die reiche Portia – Melina Pyschny spielt sie mit verdorbener Eleganz – zusammen mit ihrer Vertrauten Nerissa Werbern die Drei-Kästchen-Frage zu stellen hat. Wer sich von Gold und Silber locken lässt, fällt durch, denn nur mit dem bescheidenen Bleikästchen kann man die Braut gewinnen. Komödiantisch gibt Nadine Kiesewalter der flinken Dienerin Temperament, auch später in der aberwitzigen Gerichtsszene. Tommy Wiesner als dämlicher Prinz von Sachsen ist so durchgeknallt, dass es schon nicht mehr komisch wirkt.

Neben Torsten Borm gehört Björn Jacobsen zu den Größen des Abends. Sein „Lancelot Gobbo“ ist ein skurriler wahrhaft weiser Narr, sehr nah, fast kindlich verschroben, in seiner Körpersprache intensiv.

Insgesamt ein Abend, bei dem man permanent auf der Suche nach Shakespeare ist. Die Inszenierung weckt allerdings die Lust, das Original nochmal zu lesen.

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