1. Kultur

Alsdorf: Der harte Kerl mit dem weichen Kern spielt sich immer selber

Alsdorf : Der harte Kerl mit dem weichen Kern spielt sich immer selber

Fast war es so wie früher. Manfred Krug, heute 65 Jahre alt, Schauspieler, versucht sich in der Alsdorfer Stadthalle als Jazz-Interpret.

Er liest Gedichtetes und beherrscht zwei Stunden lang die Bühne, selbst wenn er nicht auf ihr steht, und scheint über den langen Schlussapplaus zwar nicht irritiert, doch zumindest überrascht zu sein. Aber eben doch nur fast...

Gut 30 Jahre wird es her sein, dass der Dresdner Kulturpalast und andere Hallen in der DDR mit vielleicht tausend oder mehr Plätzen ausverkauft waren, wenn „Manne” Krug zusammen mit Günther Fischer auftrat.

Die Alsdorfer Stadthalle war noch zu groß für die Zuschauerzahl. Auch die musikalische Begleitung ist deutlich geschrumpft.

Fischer, lange Zeit kongenialer Weggefährte von Krug, dem vor Jahren für seinen Stasi-Betrug am Freund von diesem öffentlich die Freundschaft aufgekündigt wurde, trat einst in Bigband-Stärke auf. Heute genügt das „Jazzin the Blues”-Quartett um Hennig Protzmann.

Musikalisch hervorragend, aber eben auf Bass, Hammond-Orgel, Schlagzeug und Saxophon beschränkt. Und Krug steht auch nicht mehr alleine auf der Bühne.

Vielmehr überlässt er diese oft (und gern) seiner Tochter Fanny. Die singt die Standards attraktiver als der Vater. Aber der Rest: fast so wie früher!

Krug singt vom Blatt. Nur mit den Fingerspitzen beider Hände hält er das Mikro. Die Stimme klingt irgendwie gepresst, nasal, und sein Englisch ist, mit Verlaub, stocksteif.

Für manchen kann Krug (immer noch) nicht singen. Für die andern gibt er einen eigenen, originellen Beitrag zur Jazzszene in der Republik ab. Krug ist eben so.

Ein Repertoire aus Jazz und Prosa
Er spielt und singt sich immer selber. Er will hart klingen, und so ist es vielleicht auch zuweilen. Äußerlich. Die Kombination Jazz und Prosa gehört zu Krugs ureigenstem Repertoire.

Schon 1964 erschien in der DDR seine erste Platte „Jazz und Lyrik”, zwei Jahre später folgte „Lyrik, Jazz und Prosa”. Nach Krugs Ausreise 1977 in Folge der Biermann-Affäre wurden sie wie auch die anderen Platten nur mehr im privaten Kreis gespielt.

Heute singt Krug die Lieder „eine halbe Oktave tiefer, aber reifer”, wie er selbst befindet. Und das Gelesene ist Eigengedichtetes. Zwei kleine Geschichten, die nicht ohne Einfall sind.

So schlüpft in „Blutparasit” ein erfolgloser Jungschauspieler in die Rolle seines Lebens: Er wird als Kuckuck für die weltgrößte Kuckucksuhr verpflichtet.

Krugs Vortrag und die Hinleitungen, das sind allerbestes Entertainment. Der Sänger Krug, den großen, massigen Körper leicht nach vorne gebeugt, steht auf der Bühne so, als würde er sich ducken. Dann setzt das Lied ein, und man spürt, dass die gute Laune die Scheu überflügeln wird.

Der Autor Krug lässt am Tisch sitzend jeden gelesenen Satz voll ironischer Weisheit nachklingen. Die Frage ist, ob die Geschichten halten, was sie versprechen, wenn sie nicht mehr vom Autor vorgetragen werden.

Am Ende aber holt die Nostalgie den Abend in Alsdorf dann doch noch ein. Als Krug zusammen mit seiner Tochter „Baby, its could outside” („Machs gut, ich muss gehen”) singt und danach allein „Niemand liebt dich so wie ich” (nach Franz Lehàr), wunderschöne, ehrliche Lieder, passend für den harten Kerl mit dem weichen Inneren, herrscht tief im Westen die gleiche Stimmung wie früher in der „Deutschen Kratischen Blick” (Krug).