„Der Entertainer“ von John Osborne im Aachener Theater

„Der Entertainer“ im Aachener Theater : Gin, Zigaretten und Verzweiflung

Archie Rice lässt die Hosen runter, fast ganz, nur ein blauer Elefantenkopf vorn bleibt als „Geheimnisträger“, und das ist nicht lustig. Nah dran bleibt auch das Publikum bei John Osbornes Stück „Der Entertainer“ in der Kammer des Aachener Theaters.

In der Inszenierung von Elina Finkel kriechen Trauer, Schmerz, Hilflosigkeit und Verzweiflung auf einer Welle von Gin und Zigarettenrauch durch den Raum, der von einem protzigen goldenen Varieté-Vorhang ab und zu geteilt wird.

Stephan Prattes und Vesna Hiltmann haben eine Ausstattung geschaffen, die von Lebensbetrug, verblassenden Erinnerungen und Sehnsucht nach vergangenen Zeiten erzählt. Das Wohnzimmer ist eine Bar mit Musikbox und Theke, vorn ein alter Sessel, in dem Archies Vater Billy Rice, einst gefeierter Star der Music-Hall-Szene, dahindämmert, rassistisch herumpöbelt, träumt.

Das Stück wurde 1957 im Londoner Royal Court Theater uraufgeführt. Es schildert mit empfindlich scharfer Psychologie die Geschichte des Scheiterns, das nicht aufgehalten wird, dem die Betroffenen nichts entgegensetzen – wollen oder können? Eine Frage, die Elina Finkel in ihrer Regie stellt. Das ist geschickt, denn man ist permanent mit dem Gedanken beschäftigt, ob einem die Gestalten leidtun sollten oder nicht.

Es ist die Zeit der Suezkrise, in der die Briten eine militärische Niederlage hinnehmen müssen. Zugleich ist es eine Phase, in der die in England gefeierten Varietépaläste der Music-Halls Mitte der 50er Jahre ihren Niedergang erleben. Fernsehen, Kino, Striptease-Bars – von all dem wurden die einst charismatischen Entertainer überholt.

In Aachen steht ein Ensemble auf der Bühne, das die zerstörerische Wirkung von Existenzangst und gesellschaftlicher Abwertung in den jeweiligen Charakteren unmissverständlich verknüpft. Allen voran Philipp Manuel Rothkopf, der sich als Archie mit verzweifelt brutaler Energie an der ruhmreichen Zeit des Vaters festkrallt, grottenschlechte Witze vorträgt und dabei den steilen Absturz zelebriert, bis er nur noch mit den Brustmuskeln zuckt. John Addisons Musik singt er a cappella, das erzeugt Gänsehaut. Karl Walter Sprungala als Billy Rice ist steingewordene Entertainer-Grandezza. Zerbrechlich, alt, schwankend – und dann plötzlich: der strahlende Blick ins Publikum, der Rücken gestrafft, da ist er wieder, der gefeierte Entertainer, der gleich danach wieder ins Grau zurückkippt.

Marion Bordat überrascht als Phoebe, Archies welke Ehefrau, die in ihrer betrunkenen Verzweiflung das herausschreit, was alle kaputtmacht, dabei aber viel Charme und Ironie aufbringt. Den Blick von außen lenkt Jean, Billys Enkelin, auf die Situation. Sie ist gefrustet vom misslungenen Versuch eines intellektuellen Lebens. Luana Bellinghausen zeigt bescheiden und eindringlich den Konflikt zwischen Liebe zur Familie und unerträglicher Lebenssituation. Als gerupfter Paradiesvogel taucht Frank Rice, Archies Sohn, auf. Ognjen Koldzic trägt Leopard-Leggins, Glitzer-Netzhemd und Glitzerschuhe mit stoischer Würde. Er ist das Produkt des Niedergangs, zeigt Bauch im Show-Girl-Kostüm, auf den Brustwarzen Glitzerherzchen. Eine haarige Szene, ein mutiger Darsteller, der rührt.

Als dann die Nachricht kommt, dass der Stolz der Familie, Sohn Bill, der Soldat, gefallen ist, bricht alles in sich zusammen. Die unerträgliche Happy-Melodie „The Entertainer“ aus dem Film „Der Clou“ ist längst vertröpfelt. Lang anhaltender Applaus.

Mehr von Aachener Nachrichten