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Geilenkirchen: Den Chef „hätte ich am liebsten abgeknallt”

Geilenkirchen : Den Chef „hätte ich am liebsten abgeknallt”

Harry Baum wird diesen Tag niemals vergessen. Sieben Jahre ist es nun her, er war damals 60 Jahre alt. Der Termin beim Chef, reine Routine. Doch der Vorgesetzte ist nicht alleine in seinem Büro, auch der Personalchef ist dabei. Es herrscht angespanntes Schweigen.

Mit aufgesetzt wirkender Freundlichkeit ergreift der Chef das Wort. Er schildert die Mühen des Arbeitslebens, streicht die Verdienste seines leitenden Mitarbeiters hervor. Dann fällt das entscheidende Wort: Vorruhestand. Es trifft Harry Baum wie ein Stich ins Herz. „Sie haben in diesem Jahr ja noch gar keinen Urlaub genommen. Wenn Sie jetzt unterschreiben, dann brauchen Sie eigentlich nicht mehr wiederzukommen”, erklärt ihm der Personalchef. Eine kleine Abfindung, ein warmer Händedruck, mehr nicht. Das war alles?

Harry Baum geht nicht in den Vorruhestand. Er widersetzt sich dem Drängen seines Personalchefs und bleibt stur. Das hat Folgen, auch wenn der Kundenberater den Zusammenhang erst spät erkennt: Immer seltener kann Baum mit seinen Kollegen ein lockeres, freundliches Wort wechseln. Wenn er zu einer Gruppe stößt, haben es seine Kollegen plötzlich sehr eilig. Baum fühlt sich ausgegrenzt und spricht das im Betrieb auch offen an.

Sein Chef warnt ihn daraufhin: „Wenn Sie weiter alle Leute mit ihrem Thema bequatschen, sei es auf dem Gang oder am Mittagstisch, dann haben Sie mit mir ein Problem. Das wollte ich Ihnen nur einmal zugerufen haben.” Ein Problem hat Harry Baum so oder so: Seit er sich weigert, in den Vorruhestand zu gehen, nimmt der Arbeitgeber sein Verhalten genau unter die Lupe. Und er findet vermeintliche Fehler: Mal soll er sich zu früh in den Feierabend verabschiedet haben, mal wirft man ihm vor, dass er zu laut rede. Harry Baum kassiert vier Abmahnungen, lebt in ständiger Furcht vor der Kündigung.

Doch scheinbar lässt ihn der Wirbel kalt - nach außen zumindest. In ihm jedoch brodelt es: „Hätte ich eine Knarre gehabt, ich hätte meinen Chef am liebsten abgeknallt - und mich gleich dazu.” Baum kann nicht mehr schlafen, leidet unter schweren Depressionen, Schweißausbrüchen und Herzrhythmusstörungen. Ständig verfolgt ihn der Gedanke an Selbstmord. „Die Brücke, von der ich mich stürzen wollte, hatte ich mir damals schon ausgesucht.” Es sind die typischen Symptome eines Phänomens, das unter dem Begriff „Mobbing” längst als Modeerscheinung in der Arbeitswelt gehandelt wird.