„Chambre Privée“ im Suermondt-Ludwig-Museum: Dem Sammler ins Wohnzimmer geschaut

„Chambre Privée“ im Suermondt-Ludwig-Museum : Dem Sammler ins Wohnzimmer geschaut

Das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum startet mit „Chambre Privée“ ein neues Format für Wechselausstellungen.

Wer ungefragt in einem fremden Wohnzimmer auftaucht, bekommt wohl selten die Chance, dann auch noch in Ruhe die vorhandene Kunst betrachten zu können. Im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum erhalten jetzt all jene eine Anlaufstelle, die sich sowohl mit überbordender Neugier auf den Privatraum „anderer Leute“ als auch dem Interesse an flämischen Meistern ausgestattet sehen.

Das traditionsreiche Haus an der Wilhelmstraße ermöglicht mit einer neuen Reihe von Wechselausstellungen die Möglichkeit, Sammlern unterschiedlicher Passion buchstäblich in die heimische Umgebung zu schauen. Das Wohnzimmer wird dank aufwendig gestalteter Fototapeten ins Museum transformiert, die Kunst ist hingegen echt und besteht aus wohlwollend überlassenen Leihgaben. Zum Start von „Chambre Privée“ sind flämische Meister aus dem Allerheiligsten eines ungenannt bleibenden Sammlers zu sehen. Und was für welche.

Spitzenklasse

„Was die Qualität der Sammlung angeht, bewegen wir uns in hier in der Spitzenklasse“, verkündet Sarvenaz Ayoogi. Sie ist die Kuratorin von „Chambre Privée“, von ihr stammt auch die Idee, in den Wohnstuben von Kunstliebhabern zu „wildern“ und diese so einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Für gut drei Monate hat sich der 91-Jährige, der nicht öffentlich in Erscheinung treten möchte, von einer namhaften Auswahl seiner Kollektion getrennt. So finden sich im Kaminzimmer Werke von Jan Brueghel dem Älteren, Adrian Brouwer oder Paul Bril. „Es war faszinierend, diese Bilder in ihrer gewohnten Umgebung zu sehen“, sagt Ayooghi über ihre Stipvisite in des Sammlers echtem Wohnzimmer. „Er und seine Familie leben mit dieser Kunst tagein, tagaus, sie gehört zum Alltag und ist dabei so bemerkenswert.“

Von der Neugier getrieben

Womöglich habe sie selbst die Neugier getrieben, sagt Ayooghi auf die Frage nach dem Impuls für das neue Format namens Pop-up-Wohnzimmer, dass der Kaminraum des Museums erstmals einen temporären Teppichboden beschert. „Der liegt auch so im Wohnzimmer des Sammlers. Wenn schon, denn schon.“

Zum möglichst realitätsnahen Abbild des Wohnzimmer gehört auch eine großformatige Foto-Version des gewaltigen Bücherregals, in dem die Sammlerfamilie nicht nur ihre umfangreiche Kunstbuch-Sammlung zu verstauen pflegt – das Möbel hat auch tragende Funktion für Teile der kleinen, aber qualitativ ausgesprochen wertvollen Sammlung, sagt Ayooghi. „Zwei Bilder hängen tatsächlich an Regalbrettern, ganz einfach aus Platzmangel“. Eine beinahe anarchische Improvisation in einem ansonsten sauber durchorganisierten Ensemble von äußerst wertvollen Antiquitäten, hellen Möbeln und vergoldeten Lichtelementen.

Neben den aus dem privaten Raum gelösten Kunstwerken – verschiedene Formate und Materialien – geben kurzweilige Informationstexte dem Besucher eher kurzweilige Anekdoten statt bloße Werkdaten an die Hand. Sie erzählen auch vom Händchen des Sammlers für die Werke des 16. und 17. Jahrhunderts. „Sie wurden gut beraten“, sagt Ayooghi über die Anfänge der Sammlung, die für den heute 91-jährigen Kollektor mit beinahe naiven Käufen wertvoller Gemälde begann. „Diese Kunst ergibt zusammen mit den Möbeln ein unvergleichliches Stillleben. Wenn man dann noch erfährt, dass der alte Herr sich jeden Morgen in den Sessel setzt, um seine Kunst zu betrachten, entsteht ein besonderes Szenario.“

Nach den flämischen werden 2020 übrigens auch die niederländschen Sammlerstücke im Kaminzimmer zu sehen sein. „Er wollte sich nicht zeitgleich von all seinen Schätzen trennen“, wirbt Ayooghi für verdientes Verständnis. Die nächsten Besuche bei spannenden Sammlern – und damit potenziellen Wohnzimmer-Kandidaten – hat die Kuratorin übrigens bereits geplant.

Mehr von Aachener Nachrichten