Aachen: David Garrett: „Jedes Konzert ist eine Herausforderung“

Aachen : David Garrett: „Jedes Konzert ist eine Herausforderung“

Es wird ein ganz besonderes Konzert sein, wenn David Garrett am Sonntag, 3. September, im Rahmen der Kurpark Classix Tschaikowskis Violinkonzert aufführen wird. Denn der berühmte Sohn der Stadt kehrt erstmals seit mehr als zehn Jahren wieder auf eine Aachener Bühne zurück.

Es könnte eine schweißtreibende Angelegenheit für ihn, den Dirigenten Justus Thorau und das Aachener Sinfonieorchester werden, wie Garrett (36) im schriftlich geführten Interview mit unserem Mitarbeiter Michael Loesl ankündigt. Denn neben aller Virtuosität, die das Stück ihm und den Orchestermusikern abverlangt, will er vor allem auch die melodische Handschrift des russischen Komponisten unterstreichen. Und das Feuerwerk nach seinem Heimspiel-Konzert wird dann einen besonderen Tag für den Violinisten einläuten.

Herr Garrett, welche Beziehung haben Sie zu Tschaikowskis einzigem Violinkonzert, das Sie im Kurpark mit dem Sinfonieorchester Aachen aufführen werden?

Garrett: Ich habe das Violinkonzert erstmals mit zwölf Jahren gespielt. Das war im niederländischen Hilversum und ich trat mit dem dort ansässigen Orchester auf. Zwar liegt meine Aufführungspremiere des Stücks nunmehr ein paar Jahre zurück, aber ich empfinde es immer noch als sehr anspruchsvolles Konzert, das man sich jedes Mal wieder aufs Neue hart erarbeiten muss. Für mich ist es eins der schönsten Konzerte überhaupt, da es Virtuosität und Melodie in einer wunderbaren Kombination zu verbinden gilt. Dieses Violinkonzert ist das erste große Violinkonzert, das ich auf CD aufgenommen habe, damals in Moskau im Tschaikowski Konservatorium. Das war sehr beeindruckend.

Der Komposition wird „wiederbelebende Wirkung“ zugesprochen. Stellt Sie dieser Umstand vor eine besondere Herausforderung, wenn Sie die drei Sätze aufführen?

Garrett: Ich kann vor allem bestätigen, dass man klatschnass geschwitzt und wirklich fertig ist, wenn man die drei Sätze gespielt hat. Die revitalisierende Wirkung trifft insofern wahrscheinlich eher für das Publikum zu, wenn der Solist, das Orchester und der Dirigent einen guten Job gemacht haben.

Empfinden Sie es als Herausforderung, vielen Stücken, wie auch Tschaikowskis Violinkonzert, einen eigenen Stempel aufzudrücken, oder ist dieser Wunsch gar nicht relevant für Sie?

Garrett: Es ist ganz natürlich, dass man durch eigene Erfahrungen und Erlebnisse seinen eigenen Sound, seine eigene Tonvorstellung und seine eigene Interpretation von einer Komposition findet. Dass man seine sehr persönliche Art hat, ein Stück zu interpretieren, in der man es dann auch aufführt, ist ein wichtiger Teil meines Selbstverständnisses als Solist. Aber bei aller Aneignung achte ich immer auch auf den Rahmen, den der Komponist beim Verfassen seines jeweiligen Werks vorgegeben hat.

Begegnen Sie der Balance zwischen spieltechnischer Perfektion und emotionalem Ausdruck inzwischen mit einer gewissen Routine oder betrachten Sie jedes Konzert immer noch als Herausforderung?

Garrett: Für mich ist jedes Konzert immer noch und immer wieder eine große Herausforderung und ich glaube auch, dass sich diese Einstellung nie ändern wird. Routine ist Statik und einem Künstler somit nie zuträglich.

Sie haben lange Zeit kein Konzert in Aachen gespielt. Mangelt es hier an Spielstätten mit entsprechender Größe?

Garrett: Nein, überhaupt nicht. Es hat bisher immer an meinen randgefüllten Terminplänen gelegen, dass ich nicht öfter hier aufgetreten bin. Deshalb freue ich mich jetzt aber auch umso mehr, dass es Anfang September endlich wieder klappt.

Stand Ihr Wunsch früh fest, als Solist zweigleisig unterwegs sein zu wollen? Sie sind ja dem reinen Klassik-Repertoire einerseits weiterhin zugewandt, ignorieren aber andererseits nicht die Impulse der Rock- und Popmusik.

Garrett: Darüber habe mir merkwürdigerweise nie Gedanken gemacht. Ich habe in meinem Leben immer die Sachen angepackt, die mir Freude bereitet haben. Ich sehe in diesem Punkt auch keine Zweigleisigkeit. Im Endeffekt spiele ich ja dasselbe Instrument.

Man ist in Aachen überaus stolz auf Sie. Legen Sie Wert darauf, unerkannt zu bleiben, wenn Sie Ihre Heimatstadt besuchen?

Garrett: Ich freue mich natürlich sehr darüber, dass man in meiner Heimatstadt stolz auf mich ist. Es ist eine schöne Sache, wenn Menschen einen respektieren. Es gehört auch ein Stück weit zu meinem Beruf und zu meinem Leben, wahrgenommen werden zu wollen. Ich gehe immer freundlich auf Menschen ein, die mich ansprechen, denn es ist erfüllend für mich, dass die Menschen mögen und honorieren, was ich spiele.

Ist es dem Zufall geschuldet, dass Sie am Tag vor Ihrem Geburtstag in Ihrer Heimatstadt Aachen ein Konzert spielen werden?

Garrett: Ja, das ist ein absoluter Zufall. Ich freue mich natürlich sehr, gerade an meinem Geburtstag in meiner Heimat zu sein, und werde mit Freunden und Familie feiern.

Haben Sie eine Veränderung in der Wahrnehmung klassischer Musik bei jungen Menschen festgestellt, seitdem Sie sich modernen Kompositionsarten geöffnet haben?

Garrett: Die Wahrnehmung von jungen Menschen hat sich grundsätzlich in den letzten Jahren dramatisch geändert. Der Zugang zu Musik ist durch die sozialen Medien einfach universell geworden. Als ich noch in Aachen gewohnt habe, musste ich die verschiedenen CD-Abteilungen der bekannten Geschäfte aufsuchen, wenn ich Rock, Pop, Jazz oder Klassik hören wollte. Mittlerweile kann man wirklich alles bequem daheim anhören. Dadurch haben ganz viele Menschen auch verschiedene Musikgeschmäcker entwickelt und es gibt kaum noch den typischen Rocke_SSRqne_SSRqRoller, den typischen Klassik-Fan oder den typischen Punker. Die meisten Menschen sind sehr offen für ganz unterschiedliche Musikrichtungen und Stile. Diese Gleichzeitigkeit gestaltet die heutige Zeit umso faszinierender, finde ich.

Sie haben bereits unglaublich viel erreicht. Gibt es für Sie noch Ziele und den Anspruch, Ihren Ausdruck als Instrumentalist zu verfeinern?

Garrett: Dieser Anspruch hört hoffentlich nie auf. Das fängt morgens an und hört abends auf, wenn man schlafen geht. Der Drang, sich ständig zu verbessern, legt nur eine kurze Pause ein, für ein paar Stunden, wenn ich schlafe. Ich vergleiche dieses Streben gerne mit einem lebenslangen Marathon, der kein Ziel kennt, denn eine wirkliche innere Zufriedenheit kehrt für einen Solisten eigentlich nie ein. Es ist eine ständige Suche. Man muss dieses Streben ein Stück weit akzeptieren lernen und versuchen, damit leben zu können. Auf der anderen Seite bekommt man aber auch vieles zurück. Mein Leben besteht nicht nur aus Selbstkritik.

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