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Leipzig/Mannheim: Das Ringen um die deutsche Rechtschreibung

Leipzig/Mannheim : Das Ringen um die deutsche Rechtschreibung

Der Widerstand gegen die Rechtschreibreform in den 90er Jahren hat Klaus Heller nicht überrascht. Das sei auch vor 100 Jahren nicht anders gewesen, sagt der Geschäftsführer der zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung.

Konrad Duden habe mehrere Auflagen seines Orthographischen Wörterbuchs gebraucht, ehe am 1. Januar 1903 eine einheitliche Regelung der deutschen Rechtschreibung an den Behörden im Deutschen Reich, in der Schweiz und in Österreich eingeführt wurde.

Die Schulen folgten mit dem Schuljahrswechsel am 1. April. „Neuregelungen der Rechtschreibung treffen auf sehr eingefahrene Verhaltensweisen. Sie brauchen daher Zeit, bis sie sich durchsetzen”, sagt Klaus Heller.

Vor 100 Jahren seien es die gleichen Personenkreise - Schrift-steller und Wissenschaftler - gewesen, die gegen die Neuregelungen gewettert hätten. Auch damals sei zur Gewöhnung eine großzügige Übergangsfrist bis 1908 gewährt worden.

„Duden hatte immer das Ziel, die deutsche Rechtschreibung zu vereinheitlichen und zu vereinfachen”, sagt Ralf Osterwinter von der Dudenredaktion in Mannheim.

Bei der zweiten Orthographischen Konferenz vom 17. bis 19. Juni 1901 in Berlin, die die von 1903 an gültigen Regeln festschrieb, konnten sich alle Beteiligten aber nur zu einer Vereinheitlichung durchringen. „Dass die von Duden angestrebte Vereinfachung fast ein Jahrhundert später erst verwirklicht wurde, hätte damals niemand geglaubt.”

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es keine verbindlichen Normen für die deutsche Rechtschreibung. Man schrieb so, wie man es individuell für richtig hielt. Zwischen den deutschen Kleinstaaten gab es etliche politisch und geographisch begründete Schreibweisen.

Zudem hatten nur wenige Menschen mit der Verschriftlichung der Sprache überhaupt etwas zu tun. Erst mit dem Aufkommen der Nationalstaaten und der verbesserten Schulbildung für breite Bevölkerungsschichten gelangte eine einheitliche Rechtschreibung auf die politische Agenda.

Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 rief der preußische Kultusminister die erste Orthographische Konferenz 1876 zur „Herstellung größerer Einigkeit in der deutschen Rechtschreibung” ein. Diese allerdings endete ohne Ergebnis.

Die Reformer wollten das phonetische Prinzip anwenden und Deutsch so schreiben, wie es gesprochen wird. Die meisten Länder lehnten die Ergebnisse ab.

Es dauerte 25 Jahre, bis schließlich die zweite Orthographische Konferenz in Berlin sich auf einen Minimalkonsens einigte, der ein Jahr später vom Bundesrat, der sich seinerzeit noch am Ende mit „th” schrieb, angenommen wurde. „Es war damals das gleiche Hickhack wie jetzt mit der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung auch”, sagt Klaus Heller.

Nach 1903 gab es nach Hellers Schätzung etwa 100 Ansätze, die deutsche Rechtschreibung zu vereinfachen. Bis in die 90er Jahre aber scheiterten sämtliche Empfehlungen.

Erschwerend kam nach 1945 die deutsche Teilung hinzu. Für Zweifelsfälle gab es fortan zwei Instanzen - die voneinander unabhängigen Duden-Verlage in Mannheim und Leipzig.

Die DDR stellte mit der Gründung der Forschungsgruppe Orthografie 1974 die Regelung der Rechtschreibung auf eine
wissenschaftliche Basis.

Die Bundesrepublik folgte 1977 mit der Gründung der Kommission für Rechtschreibfragen am Institut für deutsche Sprache (IdS) in Mannheim.

Doch erst 1994 einigte sich eine internationale Fachkommission auf die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, die fortan als „Rechtschreibreform” Schlagzeilen machte.

Die Übergangsfrist von der alten zur neuen Rechtschreibungen in Schulen und Behörden läuft bis zum 31. Juli 2005.

Nach Angaben der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung erscheinen mittlerweile 80 Prozent der neu verlegten Bücher in der neuen Rechtschreibung.