Die Aachener Rede von Robert Menasse: Das Preisschild an unseren Werten

Die Aachener Rede von Robert Menasse: Das Preisschild an unseren Werten

Der Schriftsteller Robert Menasse hat bei der Verleihung des Walter-Hasenclever-Literaturpreises in Aachen eine furiose, bewegende, denkwürdige Rede über den Zustand Europas gehalten. Wir dokumentieren sie deshalb in voller Länge.

Eine Woche lang habe ich täglich nur einen Satz geschrieben. Jeden Tag den selben Satz, immer auf ein neues Blatt Papier. Einen kurzen Satz, einen einfachen Satz, aber für mich doch von so verwirrender Bedeutung, dass ich danach nicht mehr weiterschreiben konnte. Nur immer diesen einen Satz, um dann das Blatt Papier anzustarren, das unterhalb dieses Satzes weiß blieb, oder ich schaute in die Luft, rauchte, sah den Rauchkringeln nach, die zur Decke schwebten, schließlich eine Wolke bildeten, in der ich nichts als diese wabernde Rauchwolke sah. Wie sollte ich, wenn das so weitergeht, rechtzeitig meine Dankesrede für den Walter-Hasenclever-Literaturpreis fertig bringen, wenn ich immer wieder nur diesen einen Satz schreibe und dann nicht weiter weiß?

Ich muss neu beginnen.

Wenn man einen Literaturpreis bekommt, dann sieht man doch als Schriftsteller seine Arbeit bestätigt, fühlt sich in seinen Anstrengungen aufgemuntert, man empfindet seine Talente kräftiger und seine Vorsätze entschiedener. Man spürt geradezu einen Kick, mit seiner einsamen Arbeit beschwingt weiter zu machen.

Halt!

Warum sage ich „man“, wenn ich mich meine?

Auch wenn man die Wirkung, die ein Literaturpreis hat, zweifellos verallgemeinern kann (obwohl das bei Dichtern aus Wien auch nicht unbedingt stimmt: Grillparzer sagte, als ihm eine Auszeichnung zugesprochen wurde, bloß: „Zu spät!“, und Weinheber reagierte auf einen Literaturpreis bloß mit dem Wunsch, man möge ihn „in Ruh lassen“!), also trotz weitgehender Verallgemeinerungsmöglichkeit soll es doch meine Rede, mein Dank sein – ich muss also ich sagen.

Ich muss neu beginnen.

 Denn darum geht es ja: was ich zu sagen habe. Nun mit dem Ansporn, den mir der Literaturpreis gibt, der meine bisherige Arbeit hoch schätzt und anerkennt und mein weiteres Leben und Schreiben zweifellos erleichtert.

Anerkennung! Geld! Ansporn!

So soll es sein. Und so ist es ja auch. In der Regel. Wie glücklich und beschwingt war ich, als ich erfuhr, dass mir der Walter-Hasenclever-Preis der Stadt Aachen zugesprochen wurde. Anerkennung! Geld! Ansporn! Der Dank einer Öffentlichkeit, die jetzt zweifellos auch in Zukunft Erwartungen und die schönsten Hoffnungen in mich setzt. Ich sitze alleine in meinem Zimmer und sehe mich gesehen! Ich finde es auch sinnig, dass ich einen Preis bekomme, der nach Walter Hasenclever benannt ist. Nicht weil ich ein Hasenclever-Spezialist wäre (mir war Hasenclever bloß ein Begriff, weil ich ein fleißiger Germanistik-Student war und gute Lehrer hatte), und auch nicht, weil ich jemals gesagt habe oder sagen würde, dass ich mich wesentlich in der Tradition Hasenclevers sehe. Aber ich habe doch das Gefühl, dass gerade jetzt meine literarischen Ansprüche und auch meine Ängste einige Beziehung zu Walter Hasenclever haben, was im Folgenden vielleicht noch deutlich wird.

Aber warum tue ich mich jetzt so schwer, die in mich gesetzte Erwartung zu erfüllen? Warum schreibe ich seit Tagen nur einen Satz, immer nur ein und denselben Satz? Ich –

Ich muss neu beginnen!

Als ich angefangen habe zu schreiben, und damit meine ich nicht die Ergüsse, die die pubertäre Sublimierung von Ergüssen sind, sondern durchaus die literarischen Versuche in der Absicht, in meinem Leben nichts anderes machen zu wollen, da hatte ich ein relativ klares Bild von der Literatur, ihren Möglichkeiten, davon, was mir möglich und was mein Anspruch ist. Vereinfacht und bildhaft gesagt: ich sah in Kunst und Literatur letztlich nur zwei Typen: Die Bienen und die Baumeister. Die einen produzieren ihre Kunst so, wie die Bienen ihre Waben bauen, mit unfassbarem Instinkt, mit geradezu naturgegebener rätselhafter Perfektion. Die anderen produzieren ihre Kunst wie der Baumeister, der bereits in seinem Kopf gebaut hat, was er dann verwirklicht, es war also schon ideell vorhanden und mit einer Absicht verbunden, was dann als Werk Gestalt hat und Nutzen oder Wirksamkeit zeigt. Das heißt: Die Biene produziert Waben, der Baumeister kann Waben auch denken, bevor er produziert, er verwirklicht also eine Absicht, der er seinen Willen bewusst unterordnet.

Der Vergleich hinkt natürlich etwas, wie mir im Lauf meiner Beschäftigung mit Literatur klar wurde, denn auch in der Kunst des literarischen Baumeisters, wenn es denn Kunst ist, haben wir es mit einem Rätselrest zu tun, mit etwas, das nicht von einem Plan abgeleitet und erklärt werden kann, es gibt sozusagen plötzlich ein Schwein, das durch das Bauwerk läuft – es gibt also auch hier das Phänomen, dass das Werk, wenn es wirklich glückt, mehr weiß und klüger ist als der Autor.

Biene und Baumeister

Gleichwohl war mir immer klar, dass ich eher der Baumeister-Typus bin, präziser: der faule Baumeister – denn ich sitze lieber da und träume, als dass ich mich hinsetze und schreibe. Dennoch: fast alles, was ich geschrieben habe, war zuvor ideell vorhanden und mit einer Absicht verbunden. Und was war die Absicht? Aus Sprache eine Welt zu bauen, die die Welt reflektiert, „so, dass die Zeitgenossen sich erkennen und spätere uns verstehen“, um es mit den Worten des großen Baumeisters Balzac zu sagen.

Das ist ein großer Anspruch – allerdings auch völlig unerheblich für die Beurteilung eines Werks, das doch auf jeden Fall für sich stehen muss, unabhängig von den Deutungen, die der Autor mit- oder nachliefert. Da fällt mir mein Lehrer ein, der Germanistik-Professor Wendelin Schmidt-Dengler, der uns Studenten einmal gesagt hat: „Wenn Sie größtmöglichen Unsinn über ein Werk hören wollen, dann fragen Sie den Autor!“

Aber stimmt es tatsächlich, dass völlig unerheblich ist, welchen Anspruch der Autor hat oder hatte?

Ich glaube das nicht, zugleich glaube ich jetzt, dass darin, in der Definition meines Anspruchs, das Problem begründet ist, das ich so qualvoll seit einiger Zeit habe, dass ich nämlich immer nur ein und den selben Satz schreiben kann und dann nicht weiter weiß.

Es ist ein Irren auf einem weißen Feld, es ist so klein und so unermesslich groß wie ein Blatt Papier. Und dieses Feld ist oben und unten begrenzt von zwei durchgestrichenen Begriffen: dem Begriff Depression, durchgestrichen, weil er zu stark ist, und dem Begriff Schwermut, durchgestrichen, weil er zu schwach ist. Und dazwischen –
Ich muss neu beginnen.

Vielleicht so: Was immer man beabsichtigt, grundsätzlich, aber auch in der Literatur, wenn man denn etwas beabsichtigt: man geht von Prämissen aus.

Ich! Ich muss Ich sagen!

Was sind also meine Prämissen? Seltsam, wie schwer es mir fällt, sie zu benennen, obwohl ich sie doch zweifellos habe. Die Absicht, nämlich die Reflexion meiner Zeitgenossenschaft, impliziert doch eine Haltung – von welcher Prämisse gehe ich aus? Es ist so furchtbar banal, wenn ich es in Worte zu fassen versuche: Wenn Reflexion von Zeitgenossenschaft bedeutet, zu verstehen und zu erzählen, wie wir in unserer Lebenszeit unser Leben gestalten, politisch, sozial, seelisch, dann läuft es doch letztlich auf diese banale Frage hinaus: Wie groß ist die Differenz zwischen der Tatsache, dass der Mensch die Gattung ist, der es vorbehalten war, die Unmenschlichkeit auf die Welt zu bringen, und der Tatsache, dass er die Menschenrechtsdeklaration als Grundlage des Zusammenlebens formulieren konnte? Ist Vernunft in Hinblick auf die Organisation unseres Zusammenlebens eine geschichtsphilosophische Kategorie oder eine menschliche Fiktion? Ist Empathie nur ein individuelles Talent oder ist sie auch vergesellschaftbar? Ist es auf Dauer eine Fiktion, wenn wir glauben, sie zu einer politischen Grundlage machen zu können? Und wenn Sie Fiktion ist, ist sie dann nicht die Phantasie, an der sich die Realität messen lassen muss? Ich behaupte (vielleicht auch, weil ich es glauben will), dass diese banalen Fragen mit ihren banalen Antwortmöglichkeiten gestellt und entschieden werden müssen, um zumindest in der Fiktion leben zu können, einen Ausgangspunkt zur Beurteilung und Gestaltung unseres Lebens und damit einen Ausgangspunkt für dessen Reflexion in der Kunst zu haben. Ja, die Fiktion. Letztlich geht es doch darum, um unser Leben in der Fiktion. Das wäre doch das Spezialgebiet des Romanciers, des Schriftstellers, des Dichters: Die Aufhebung der Realität in der Fiktion. Sie ist die immaterielle Grundlage unseres materiellen Lebens. Wenn sie aber nur ein weißes Feld zwischen Depression und Schwermut ist? Was steht da, wenn ich diese Begriffe durchstreiche? Immer nur ein Satz, immer derselbe Satz, aber ich will doch – Nein!

Ich muss neu beginnen.

Sagte ich vorhin Welt? Ich gebe es ein bisschen kleiner, auch wenn die Welt heute nicht mehr aus kleinen Teilen besteht. Doch: Ich lebe nicht in der Welt. Ich lebe in Europa. Einem Teil der freien Welt. Sagte ich Menschen? Das geht auch konkreter.

Was haben wir jetzt noch?

Was die Macht und die Herrlichkeit, die politischen und wirtschaftlichen Eliten, die Reichen und die Privilegierten in der freien Welt mit dem gemeinen Volk teilen, ist immateriell: nämlich „unsere Werte“. Was die freie Welt über alle anderen Weltteile erhebt, ist längst nicht mehr „unser wirtschaftlicher Erfolg“, sondern ebenfalls immateriell: „Unsere Werte“.

Dass „unsere Werte“ in Sonntagsreden klarer, schöner und strahlender erschienen, als Montag bis Freitag – geschenkt! Aber was passiert, wenn „unsere Werte“ ein Preisschild bekommen, und sich jemand findet, der diesen Preis bezahlt? Ist es wirklich niemandem aufgefallen, dass zum ersten Mal seit 1945, seit die verwüstete europäische Zivilisation unter dem Baldachin „unserer Werte“ wieder aufgebaut wurde, „unsere Werte“ auf dem Weltmarkt plötzlich einen präzisen Preis, auf den Euro oder Dollar genau, bekamen – und um diesen Preis tatsächlich verkauft wurden? Es ist geschehen. Was haben wir jetzt noch? Warum hört man kein Höllengelächter, wenn nun an Sonntagen „unsere Werte“ beschworen werden? Was bedeutet das für unser Leben in Europa? Was bedeutet das für die Literatur als Reflexion unserer Zeitgenossenschaft? Was hat überhaupt noch Bedeutung?

Das Preisschild unserer Werte war in den Zeitungen unlängst veröffentlicht: 5,73 Milliarden Euro! Das ist der Preis, für den wir unsere Werte verkauft haben. Das ist die Summe, die Saudi-Arabien für Waffenlieferungen aus Europa bezahlt. Die europäischen Staaten verkauften um diesen Preis damit nicht bloß „Waren“, sie verkauften damit auch die Werte, die die Grundlage des Europäischen Friedens- und Einigungsprojekts sind. Das ist doch der große historische Fortschritt gewesen: dass Europa in Gestalt der EU der erste und einzige Kontinent ist, der die Menschenrechtscharta zu seiner Verfassungsgrundlage gemacht hat.

Das ist mehr und wertvoller als die UNO-Menschenrechtsdeklaration, die bloß eine „Empfehlung“ war, die die Hälfte der UNO-Mitglieder nicht unterschrieben haben, übrigens auch nicht die USA. Die Verteidigung der Menschenrechte, das Eintreten für Frieden, für ein Leben in Würde, das war es doch, worauf sich dieser zerrissene Kontinent geeinigt hat, worin seine Einigkeit, bei allen gegenwärtigen politischen Differenzen, bestehen sollte. Einigkeit auch darin, die Menschenrechte nach außen zu vertreten, ohne Zynismus, nicht bloß bei Bedarf, wir sind der Kontinent, der Menschenrechte nicht bloß irgendwie gut findet, wenn es ohne Geschäftsstörung möglich ist, sondern wir sind der Teil der Welt, der sich auf die Menschenrechte verpflichtet hat, darum ist die Menschenrechtscharta auch die Verfassungsgrundlage der EU.

Ohne diese Einigkeit gibt es keine mehr.

Es hat lange gedauert, bis es so grell sichtbar wurde, es hat auch mich überrascht, wie lange ich gebraucht habe, Fiktion mit Realpolitik nicht mehr irgendwie gegenzurechnen, in der Hoffnung auf eine einigermaßen ausgeglichene Bilanz – aber die 5,73 Milliarden sind das Ende unserer Gegenrechnungen, das Ende unserer Berechenbarkeit. Um diesen Preis liefert die Friedensunion Waffen in Kriege, vor denen Menschen flüchten, die wir nicht nur nicht aufnehmen wollen, sondern deren Leben wir noch dazu innenpolitisch missbrauchen, um die Gesellschaft zu spalten, überwunden geglaubte niedere Instinkte aufzustacheln und in Wählerstimmen zu münzen.

Die Schäbigkeit von „Realpolitik“

Dazu muss ich nicht mehr sagen.

Aber die Schäbigkeit und Destruktivität von „Realpolitik“, die Käuflichkeit unserer Verfassung und die Fadenscheinigkeit unseres Werte-Baldachins zeigten sich uns Zeitgenossen verdichtet und überscharf in neuer – man möchte das Wort gar nicht verwenden –: Qualität, als der Mord an dem Journalisten Kashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul bekannt wurde: wenn schon der innenpolitische Terror des Saudi-Regimes, dessen Außenpolitik, die eine Weltregion systematisch destabilisiert, der schmutzige Krieg der Saudis im Jemen, uns nicht plastisch vor Augen steht, weil all dies „kein Gesicht“ hat, kein Bild produzierte, das bei uns Empathie, Entrüstung, Mitleid, und darüber hinaus politische, diplomatische und wirtschaftliche Konsequenzen auslösen konnte, weil es „bloß Nachrichten“ waren, illustriert von Allerwelts- oder Allerunweltsbildern von allen möglichen Nachrichten aus vorgeblicher Ferne – aber der im saudischen Konsulat erdrosselte Journalist, dessen Finger, mit denen er schrieb, abgehackt, dessen Gliedmaßen dann abgetrennt und in Säure aufgelöst wurden, das ist ein Bild, ein geradezu ikonographisches Bild, in dem wir ein Gesicht sehen, ein Bild, aus dem die ungehörten Schreie Kashoggis brüllend hervortönen und nach einer Reaktion derer rufen, die noch Werte haben, die noch behaupten, Werte zu verteidigen, die noch den Anspruch haben, dafür einzustehen, nicht nur wenn es billig ist.

Noch?

Nicht mehr. Es gab, neben ein bisschen Medienaufregung, nur eine klare, harte, materielle Reaktion, die keine luftige Phrase war: 5,73 Milliarden, die wollen wir verdienen, die sind mehr wert als unsere Werte, sie sind der Preis, um die wir sie verkaufen.

Habe ich „Wir“ gesagt? Ich bin nicht Teil dieses Wir. Und wenn ich Ich sage – was oder wer bin ich?

Ich muss neu beginnen.

Ich bin nicht naiv. Ich weiß seit langem, dass politische Ideologien als Angebot für alle und die politischen Interessen von Eliten nicht deckungsgleich sind. Obwohl der Beginn meines Erwachsenenlebens geprägt war von einer geradezu naiven Liebe zur Literatur, so habe ich schockierend schnell gelernt, dass beides, Leben und Literatur, nicht als Ministrant bewältigt und gestaltet werden kann, also nicht dort, wo der Weihrauch wabert. Es war ein 11. September, und zwar im Jahr 1973, als der demokratisch gewählte Präsident eines souveränen Staates, nämlich Chile, von den USA weggeputscht und ermordet und durch einen faschistischen Diktator ersetzt wurde. Von den USA. Ich bin groß geworden in einer Familie, die mir Dankbarkeit gegenüber den USA sozusagen als politische Grundierung meines Bewusstseins mitgegeben hat, jener Schutzmacht der Freiheit und Demokratie, die uns von Hitler befreit hatte. Und an jenem 11. September sah ich mich, einen verträumten Literatur- und Philosophiestudenten, vor der US-amerikanischen Botschaft in Wien stehen und weinend und wütend und schreiend zusammen mit hunderten anderen Pflastersteine gegen die Botschaft werfen. Ich kannte mich selbst nicht. Aber ich habe mich kennen gelernt. Pathetisch gesagt: seither bin ich Ich. Auch wenn es seither natürlich noch einige Brüche in meinem Leben gegeben hat, diesem glücklichen Leben in Freiheit, wachsendem Wohlstand, ohne die Ängste und den Schrecken, den Teile meiner Familie durchlebten, die verfolgt und vertrieben und enteignet wurden, und die bittere Erfahrung von Flucht und Exil machen mussten.

Nein, ich bin nicht naiv. Aber ich will auch kein Zyniker sein und kein Nihilist. Das widerstrebt mir gedanklich und es widerstrebt mir seelisch. Ich habe immer wieder für längere Zeit in verschiedenen Städten gelebt, in Sao Paulo, Lissabon, Amsterdam, Berlin und Brüssel, ich habe sogar in einer Art von sozialem Mittelalter gelebt, in meiner Zeit in Messina, Sizilien, ich habe verschiedene Kulturen und Mentalitäten und Lebensentwürfe kennen gelernt, und ich habe gelernt, dass es bei allen Unterschieden etwas gibt, das alles Fremde aufhebt, eine Gemeinsamkeit, die ich das Verbindende der Gattung nennen möchte: das Bedürfnis nach einem sozialen Leben in Würde, ein Leben der Bewältigung von Ängsten. Ich bin nicht naiv, oder ist es naiv, wenn ich davon ausgegangen bin, dass bei allen Differenzen, bei allen sozialen Ungerechtigkeiten, bei allen Problemen und Widersprüchen, mit denen wir konfrontiert sind, es doch eines gibt, das uns eint und auf das ich mich verlassen will: nämlich auf die Lehre, die wir aus der verheerenden ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezogen haben. Die immer wieder behauptet wurde, gezogen worden zu sein.

Aber es ist etwas passiert: ein österreichischer Politiker sagte: an die Bilder von Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, werden wir uns gewöhnen müssen, und Organisationen, die versuchen, diese Menschen zu retten, müssen wir verbieten und kriminalisieren. Denn nur, wenn diese Menschen hilflos ertrinken, werden sie es sich zweimal überlegen, ob sie wirklich versuchen wollen, zu uns zu kommen.

Es ist etwas passiert

„Diese Menschen“, die vor den Waffen flüchten, die wir liefern. Und dieser Mann gewann die Wahl! Es ist etwas passiert, das ich nicht mehr als Realpolitik akzeptiere in dem Sinn, dass sie immer nur eine Annäherung an „unsere Werte“ sein kann, die wir aber doch zur Grundlage unseres Handelns erklärt haben. Es gerät alles aus den Fugen. Staats- und Regierungschefs von Mitgliedsländern der Europäischen Union erklären „die EU“ zu ihrem Feind, von dem sie zwar noch Fördergelder abholen, die sie aber zu Hause zum Abbau von Rechtsstaatlichkeit missbrauchen, während sich die europäischen Institutionen fast nur noch darum sorgen, dass die Finanzströme und der Warenaustausch intakt bleiben, ich lebe heute in Wien, einer der lebenswertesten und bestverwalteten Städte der Welt, die zum Echoraum von Ressentiment, Xenophobie und Zynismus geworden ist, ich sehe in den Medien Bilder von Hass und Aggression, ich sehe Hass in den Gesichtern von Menschen, die „Wir sind das Volk“ skandieren, und die nur deshalb glauben, die Mehrheit zu sein, weil sie allen anderen absprechen, zum Volk zu zählen, ich sehe Politiker, die deren Ängste „ernst nehmen“, aber nicht meine Ängste vor denen. Ich sehe Christdemokraten, die nicht mehr wissen, dass sie Christus das antun, was sie den Geringsten antun, und das ist mörderisch, und ich sehe Sozialdemokraten, die gestern noch die Internationale sangen und heute den nationalen Arbeitsmarkt und das nationale Sozialsystem verteidigen, und so in der Nationalismusfalle sitzen, statt für die Solidarität der europäischen Werktätigen, also für eine Sozialunion einzutreten, wissend, dass Friedensunion auch den sozialen Frieden sichern muss, weil sie sonst keine ist. Ich sehe Menschen, die die Menschenrechte für einen Kuchen halten, von dem man nur dann eine Schnitte bekommen soll, wenn man den richtigen Pass hat, nämlich ihren, und ich sehe Politiker, die diesen Menschen versprechen, dass sie dafür sorgen werden, dass nicht zu viele den richtigen Pass bekommen, denn wenn man die unteilbaren Menschenrechte doch teilt, dann ist für viele nichts mehr übrig. Ich sehe Konflikte und Kriege zwischen Religionen, die nicht beweisen, dass ohne Gott alles erlaubt ist, sondern dass mit Gott alles erlaubt ist. Und ich sehe die Finger, mit denen der Journalist Kashoggi geschrieben hat, abgehackt und in Säure aufgelöst, und ich sehe darin das Säurebad unserer Werte. Und ich kenne jetzt auch den Preis für die Werte: 5,73 Milliarden. Der in Säure aufgelöste Mensch hat nicht das Recht, ein Geschäft mit den zahlungskräftigen Mördern zu stören. Ich montiere und öle Glock-Pistolen, ich schweiße die Stahlplatten auf die Leopard2-Panzer, ich montiere die Zünder auf die HE-DP92-Granaten, ich und ich und ich will nicht meinen Arbeitsplatz verlieren. Aber ich will auch keine Kopftücher sehen, ich will keine Minarette sehen, das ist nicht unsere Kultur, in der wir Pistolen, Granaten, Panzer, Flammenwerfer und Bomben produzieren für die dort mit ihrer Kultur. Ich sehe die epidemische Verbreitung einer angeblich zutiefst menschlichen Regung, nämlich Ich zu sagen, allerdings: nur noch ich – wie kann ich da noch Ich sagen?

Ich muss neu beginnen

Andererseits: ist Ich, das Individuum, nicht die Grundlage aller Literatur? Nicht einmal das weiß ich mehr, weil es mir unbeschreiblich erscheint. Und deshalb, auch deshalb, weil es noch so viel zu sagen gäbe über das Schreiben auch nur eines einzigen Satzes, deshalb –

Ich muss neu beginnen.

Walter Hasenclever starb von eigener Hand, verzweifelt von den Weltenläuften, die diesen kreativen, sozialen, analytischen Geist in ein schwarzes Loch stießen, diesen großherzigen Freund seiner Freunde, der heiter blieb, solange es irgend ging. Er starb an einem 21. Juni in finsterer Zeit. An einem 21. Juni wurde ich geboren, in einer Zeit der Pastellfarben, ich hatte Glück, ich kam in Freiheit und Rechtsstaat zur Welt, in einer Zeit der schönsten Zukunftshoffnungen. Und heute sehe ich den Rechtsstaat und seine Werte in Gefahr, und ich sehe keinen Optimismus und keinen Anlass für Optimismus. Wird das weiße Blatt, auf dem wir unsere Geschichte schreiben, dunkel? Es macht mich sprachlos, im Moment buchstäblich. Daher immer nur dieser eine Satz, den ich seit Tagen schreibe, immer nur dieser eine Satz, nach dem ich nicht weiter weiß. Aber ich werde weiterhin jeden Tag diesen einen Satz schreiben, bis ich einen zweiten habe, besser aber einen neuen ersten.

Jetzt verrate ich Ihnen diesen Satz, den ich seit Tagen schreibe, er lautet: Ich muss neu beginnen.

Sehr geehrte Damen und Herren, nicht zuletzt auch mit Ihrem Zuspruch wird mir das hoffentlich gelingen.

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