"Das kalte Herz": Tommy Wiesner auf der Suche nach dem "Flow"

„Das kalte Herz“ am Theater Aachen : Auf der Suche nach dem „Flow“

Vielleicht findet Schauspieler Tommy Wiesner den Glücksmoment ja im Familienstück „Das kalte Herz“. Darin spielt er seine erste Hauptrolle am Theater Aachen.

Er trinkt Kaffee und trägt Schwarz: Sweatshirt, Jeans, Schnürstiefel – alles kohlenschwarz. Was für eine Rollenidentifikation, selbst privat im Theatercafé! Ganz offensichtlich: Tommy Wiesner spielt den Kohlen-Peter. Tja, das mit den schwarzen Klamotten ist allerdings nur Zufall, stellt sich später heraus, und seinen Kaffee trinkt er auch am liebsten mit Sojamilch.

Dennoch: In dem jungen Kohlenbrenner aus Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ erkennt er sich selbst wieder, erzählt der 28-Jährige offenherzig. „Er ist sehr unsicher und ängstlich. So war ich als Kind auch.“

Beim Probenbesuch und im Gespräch ist davon nichts mehr zu spüren. Okay, Tommy Wiesner ist Anfänger, neu im Ensemble des Aachener Theaters, und sein Vorname klingt ziemlich kindlich (kein Spitzname, so steht es im Pass), aber der 1,83-Meter-Mann mit der „athletisch-sportlichen Statur“ (so lautet das im Schauspieler-Lebenslauf) vertritt klare Ansichten. Er hat ja in seinem jungen Leben schon ein paar Erfahrungen gesammelt.

Auch die Hauptfigur Peter Munk durchlebt in dem romantischen Märchen aus dem Schwarzwald einige Wandlungen. Er wünscht sich, ein anderer zu sein – mutiger, beliebter, mit mehr Kohle in der Tasche. So schließt er einen Pakt mit dem Bösen und verkauft sein Herz. Als Familienstück führt die Geschichte in Aachen in einen Wald (voller Plastikbäume), aber nicht ins 19. Jahrhundert. Da sind Leute von heute unterwegs, die immer wieder eingeholt werden von der Märchenwelt mit Zauber, sprechenden Tieren und Waldgeistern, aber auch Fahrrad fahren, „Magic Moves“ tanzen oder wie Peter Fassbrause trinken – „frisch abgezapft in Berlin“.

Da kommt auch Wiesner her, der privat schon mal ein „Ick“ oder „dit“ in seinen akzentfreien Redefluss einbaut. „In Berlin mache ich das überhaupt nicht“, sagt er mit einem Grinsen. Aber hier im tiefen Westen braucht der Ostberliner „ein Stück Heimat“. Geboren und aufgewachsen ist das „Wendekind“ – so nennt er sich selbst – „nicht im hippen Berlin-Mitte, sondern draußen in Treptow“. Seine Eltern arbeiten bei der Deutschen Bahn, der Vater als ICE-Lokführer, die Mutter als Buchhalterin. „Sie haben mit Theater nicht viel am Hut“, sagt Wiesner. Zum Theaterspielen kam er durch die Schule und Freunde „mit intellektuelleren Familien“. Außerdem ist er „um die Ecke von der Ernst Busch groß geworden“. An der berühmten Schauspielschule kam er als Teenie auf dem Weg zum Kickboxen immer vorbei. „Ich wusste, da will ich hin!“

Da hat’s dann zwar nicht geklappt, aber an der Akademie in Ludwigsburg wurde er angenommen. Sogar gleich zweimal. Beim ersten Mal hat er noch einen Rückzieher gemacht. Nachdem er an Kanadas Ostküste in einer christlichen Gemeinde ein Jahr mit Behinderten gearbeitet hatte, wollte er doch „erst mal was Bürgerliches machen“. Also hat er Soziale Arbeit in Potsdam studiert. Nach Jugendarbeit in Neukölln („Holla, ganz schön heftig!“) hat er dann erkannt: „Das ist doch nur Plan B.“ Plan A, seine Schauspielausbildung, hat er dann im zweiten Anlauf in Ludwigsburg verwirklicht.

Ab ins kalte Wasser!

Irgendwie sind Schauspieler ja immer auch Sozialarbeiter. Aber Wiesner eben richtig! „Das hat mich ein bisschen weniger naiv gemacht, reflektierter“, meint er. Und seinen Anspruch hochgeschraubt: „Rollen müssen gesellschaftlich relevant sein“, findet er. Wie der Peter, „ein Junge, der unglaublich unter sozialem Druck leidet, er fühlt sich als Mängelexemplar“. Bis er das pochende Herz in seiner Brust gegen einen Stein und Reichtum eintauscht – aber die Freude am Leben verliert.

Noch so ein Begriff, über den Wiesner viel nachgedacht hat. „Freude als Hauptmotiv schauspielerischen Handelns“ lautet nämlich der Titel seiner Bachelor-Arbeit. Darin geht’s um eine Theorie, die den „Flow“ untersucht, den Moment des Fließens, einen Zustand tiefer, freudvoller Erregung, der sich bei herausfordernden Schauspielprozessen einstellen kann. Also kurz: eine Art Schaffensrausch, kurz vor der Überforderung.

Hat er selbst solche „Momente, die hungrig machen“, schon erlebt? Zum Beispiel in Ulrich Rasches bemerkenswerter Dresdner Inszenierung von „Das große Heft“? Da ist er fast vier Stunden im Chor-Kollektiv über zwei rotierende Scheiben marschiert. „Nee, da habe ich manchmal gar nicht mehr gewusst, wo ich bin“, meint er nüchtern.

Auch in Aachen ist er noch auf der Suche nach dem „Flow“. „Ich bin ganz schön ins kalte Wasser geworfen worden“, meint er zu seinem Theaterstart. „Aber als Anfänger bin ich natürlich dazu bereit.“ Mit der Gala, Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ und Schillers „Räuber“ ging’s gleich auf die große Bühne, allerdings in kleineren Rollen. Von seinen Shakespeare-Auftritten bleibt er vor allem als heftig sächselnder und züngelnder Prinz ziemlich albern in Erinnerung.

Aber jetzt seine erste Hauptrolle, 90 Minuten nonstop auf der Bühne, 29 Vorstellungen, manchmal zwei am Tag. Das kann schlauchen, doch körperlich in Form ist Wiesner als VIP-Mitglied im Fitnesscenter, in einem Rasenmäher-Werbespot ist er auch schon als Fußballer übers Grün gestürmt – „obwohl ich nicht mal einen Pass spielen kann“.

Nun zum ersten Mal für Kinder zu spielen, ist schon besonders. Krei­schen, Zwischenrufe, Handyklingeln – alles ist möglich. Von den Kollegen hat Wiesner schon ein paar Horrorgeschichten gehört. Aber er will nicht schwarz sehen. „Bis jetzt freue ich mich!“ Und wenn dann noch der „Flow“ kommt . . .

„Geeignet für Menschen ab acht

Seine Oma hat ihn jedenfalls schon erwischt. Oder so was in der Art. „Sie hat fast geweint, als ich ihr erzählt habe, dass ich den Munk spiele. Sie ist verrückt nach dem Märchen und dem Film.“ Der Defa-Film von 1950 war in der DDR der Renner. Er gilt allerdings als ziemlich grausam-gruselig. Da soll das Aachener Familienstück tatsächlich für Menschen ab acht geeignet sein? Auf jeden Fall, meint Wiesner, blutiger Horror drohe nicht. „Das wird kein Splatter-Movie“, versichert er und zwitschert fröhlich-beschwingt „Juti! Tschüssi“, bevor er in die Probenpause davonradelt.

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