"Das kalte Herz" im Theater Aachen

„Für alle ab acht Jahren“ : Im Märchenwald rotiert der Dancefloor

„Das kalte Herz“ pocht in Aachen nicht schrecklich heftig. Das Familienstück führt ins Heute und auch mal in die Irre.

Vorweg die Entwarnung für besorgte Mütter, Väter, Großeltern und Lehrerinnen: Die Operation am offenen Herzen verläuft ohne jedes Blutströpfchen. Völlig steril und ungruselig blinkt das rote Plastikherz. Auch die nebelumwaberten Waldgeister und der gehörnte Bösewicht werden bei älteren Grundschulkindern vermutlich nicht zu bleibenden Theater-Traumata führen. Obwohl manch einer das Kunstmärchen des schwäbischen Romantikers Wilhelm Hauff als grausam und unheimlich in Erinnerung haben mag: Das Aachener Theater lässt „Das kalte Herz“ als „Familienstück für alle ab acht Jahren“ nicht so schrecklich heftig pochen.

Nach dem sprachwitzigen Ausflug in die Alltagsgegenwart mit den Berliner Gören Rico und Oscar im Vorjahr nun also mal wieder ein „richtiges“ Weihnachtsmärchen. Anders als die vielen gestiefelten Kater, Schneeköniginnen oder Aschenputtel, die im Jahresendspurt allüberall die Bühnen erobern, ist der arme Kohlenbrenner-Junge Peter, der sein Herz gegen einen Stein in der Brust und weltliche Schätze eintauscht, eher weniger bekannt, obwohl es einige Theater- und Filmfassungen gibt. Für Aachen hat Dramaturgin Vivica Bocks eine eigene Version erstellt, die den Märchenton des 1827 erschienenen Textes humorvoll mit heutiger Sprache verbindet. Auch die Inszenierung von Sebastian Martin führt immer wieder direkt ins Jetzt, manchmal allerdings inhaltlich – wegen etlicher Kürzungen und viel Videobilder-Wirrwarr mit Herz, Mond und Sternen – etwas in die Irre. Manch ein Kind braucht in der Pause jedenfalls ein wenig Hauff-Nachhilfe, um zu kapieren, was da zwischen großen Themen wie Glück, Neid oder Egoismus eigentlich abgeht.

Gleich zu Beginn hier und da Fragezeichen im Publikum: Was ist das? Ja, liebe Kinder (Mütter, Väter, Großeltern und Lehrerinnen), das, was da inmitten von zwei Hand voll Plastiktannen so hässlich betongrau und bunkerartig die große Bühne zustellt, soll keine Raketenstartrampe und auch kein geköpfter Atomreaktor sein, sondern ein Kohlenmeiler. Ursprünglich sollte der Bau von Ausstatterin Kaja Bierbrauer mit einem Kamerablick von oben wie ein steinernes Herz aussehen, aber das hat sich im Laufe der Proben zerschlagen. So lässt der Klotz auf der Drehbühne mit Podest, Rutsche, Rampe und Treppe zwar ein paar Aktionsmöglichkeiten, aber die Kleinen in den ersten Reihen auch emsig die Hälse hochrecken.

Lustlos stochert da oben der Kohlen-Peter (Tommy Wiesner) im feuerflackernden Meiler-Loch, schippt Kohle und schläft in der Schubkarre. Er will reicher, mutiger, beliebter sein – und lässt sich daher auf einen bösen Deal mit dem Holländer-Michel (Julian Koechlin) ein. Dessen Auftritt im Dustern mit Hörnern, Spitzhacke und elektronisch verzerrter Stimme ist vielleicht noch der gruseligste Moment. Die fantasievollen Waldgeister mit glühenden Augen, Ast-Armen, Blätter-Kleidern und Masken, die an die schwäbisch-alemannische Fastnacht erinnern, wohl eher weniger. „Jetzt kann ich nicht mehr schlafen. Danke schön!“, lautet jedenfalls ein vorwitzig-ironischer Ü-8-Kommentar aus dem Publikum.

Als Peters „Geschäftspartner“ tauscht Michel dann Hörner gegen gegelte Haare und knabbert lustvoll an einem Brikett. Er wird dafür sorgen, dass Peter sein Seelenheil verliert. Obwohl „Seelenheil“ schon viel zu altmodisch klingt. Denn hier wird das Wirtshaus im Schwarzwald zur Disco mit Dancefloor und Herzschlag-Elektro-Beats, die Hütte der Glasbläser zur „vollautomatischen Glasfabrik“, in der drei Roboter-Arbeiter weiße Luftballons modellieren. Hier darf Peters Mutter (Bettina Scheuritzel) von Mallorca träumen und im Stil einer Hambach-Aktivistin gegen das Abholzen des Schwarzwald-Tanns protestieren: „Erst wenn der letzte Baum gerodet…“ Außerdem wird die Frauenquote drastisch erhöht: Aus dem Wirtshauskumpel Schlurker wird Schlurka, bei Melina Pyschny ein Supergirl mit Messer im Anschlag. Stark aufgewertet wird die Figur der Lisbeth, Peters Freundin: Nadine Kiesewalter gibt in gelben Gummistiefeln eine selbstbewusste Wortführerin (auch als Erzählerin), die rotzig-herzig ihren herzlos gewordenen Freund von den Ringelsocken haut. Für die Verwandlung vom sanft-schüchternen Kohlen-Peter zum reichen Kohle-Peter tauscht Tommy Wiesner Karojacke, Stiefel und dreckige Hose gegen Pelzmantel, Lackschuhe und Anzug, nur ein wenig wird sein Ton lauter, schärfer, kühler, seine Gesten starrer.

Aber dafür bleibt nicht mehr viel Zeit. Während vor der Pause längere Sagen-Passagen Klappstuhl-Kippeln, Wispern und „Psst!“-Zischen im Zuschauerraum hervorrufen, gibt’s danach mehr Action: Beim Kampf Böse gegen Gut hebt Michel ab und wirft Feuerblitze (per Video). Doch das Glasmännchen, bei Thomas Hamm mit Eichhörnchenschwanz und Aktenkoffer ein Bürokrat des Guten in Bundfaltenhose, zückt schließlich nicht nur den Laubbläser . . .

Bevor alle zum Happy-End noch schnell den leider einzigen Song von Malcolm Kemp anstimmen („Wir sind wie Sterne. Mein Herz schlägt Überschall“) und die rund 650 Zuschauer „Zugabe“ kreischen, offenbart „Das kalte Herz“ bei der Premiere noch etwas Rhythmusstörungen. Das ist offenbar zu viel Text für rund 90 Minuten plus Pause. Das Ende flüstert Peter Lisbeth also einfach ins Ohr. Häh? Das wirkt ziemlich amputiert. Vielleicht bluten dann doch ein paar Herzen – von Hauff-Fans.

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