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Der „Göttlichen Komödie“ auf der Spur

Das Fegefeuer bietet Platz für pure Schönheit

Dante (Symbolbild) wäre stolz auf die Arbeit mit seiner „Göttlichen Komödie“. FOTO: dpa / Klaus Blume

Aachen Auf ihrer Reise durch das Jenseits, wie es sich Dante Alighieri in seiner „Göttlichen Komödie“ vorgestellt hat, sind Generalmusikdirektor Christopher Ward und das Aachener Sinfonieorchester mittlerweile im „Purgatorio“, im Fegefeuer, angelangt.

Die noch dunkleren Welten des höllischen „Inferno“, die sie im Dezember beschworen haben, ließen sie damit im Rahmen des jüngsten Konzerts der „Classic Lounge“ im gut besuchten Depot an der Talstraße hinter sich.

Insgesamt ging es diesmal etwas entspannter zu. Im Mittelpunkt stand wieder eine tief inspirierte Solo-Kantate der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina, der diesjährigen „Composer in Residence“ des Orchesters. Und zwar mit „Rubaiyat“ für Bariton und Kammerorchester, einer erheblich strafferen Komposition als die „Hommage à T. S. Eliot“, die im Dezember zu hören war. „Rubaiyat“ basiert auf Gedichten der altpersischen Dichter Omar Khayyám, Hafiz und Khakani, die das Verhältnis des Menschen zum Schicksal reflektieren.

Den eher rezitierenden Vortrag des Sängers verdichtet die Komponistin durch dunkel schillernde Klänge des kleinen Orchesters, die durch die stark besetzte, aber meist dezent agierende Schlagzeugbatterie ihr besonderes Kolorit beziehen. Der Bariton Falko Hönisch gestaltete den Solopart mit klarer Diktion und einer angemessenen Dosis an Intensität, ohne den insgesamt trancehaft schwebenden Charakter des Werks zu gefährden.

Zuvor empfahl sich bereits die junge russische Pianistin Zlata Chochieva als Solistin des „Csárdás Macabre“ von Franz Liszt. Mit bewusst hartem Anschlag stellte sie die typischen Attribute von Liszts Spätstil heraus. Streng, dunkel und asketisch ohne virtuosen Zierrat, sich im Schlussteil zu Wogen von orchestraler Wucht auftürmend, ist dieser „Csárdás“ von einem feurig-geselligen Tanz so weit entfernt wie das Fegefeuer vom Elysium.

Vor der Pause erklang mit der „Malédiction“ für Klavier und Streichorchester ein sehr frühes Werk von Liszt, das bei weitem nicht die Ausdruckskraft des „Csárdás“ erreichen kann, der Solistin aber dankbare Tummelfelder für ihre pianistischen Qualitäten bietet.

Richard Strauss‘ „Metamorphosen“ für 23 Solostreicher bildeten einen Abschluss in purer Schönheit. 1945 von dem resignierten Komponisten als Trauermusik gedacht, entfalten sie in wehmütiger Erinnerung an die Größe und Schönheit der zerstörten Kultur in Deutschland eine halbstündige Elegie von dunkel gefärbtem, bezwingendem Wohllaut. Beeindruckend die Meisterschaft und Konzentration, mit der Strauss vier knappe Themen zu einem so großen Trauergesang verknüpfen und unter Spannung halten kann.

Eine anspruchsvolle Aufgabe für jeden der 23 Streicher des Aachener Sinfonieorchesters. Und das ergreifende Ergebnis spricht für sich. Zu erwähnen ist noch die Tänzerin Keara Lindert-Knöppel, die auf der seitlichen Empore schon vor der Pause mit einfühlsamen Bewegungsstudien die Musik garnierte, bei den „Metamorphosen“ dann ins optische Zentrum rückte. In eng anliegende weiße Tücher gehüllt, wirkte sie zu den Strauss-Klängen wie eine antike, zum Leben erwachende und am Ende entschwindende Stele.

Begeisterter Beifall für alle Beteiligten. Am 3. April darf sich das Publikum im Depot ins „Paradiso“ entführen lassen, unter anderem mit Mozarts himmlischer Bläserpartita.