Das Da Theater Aachen startet mit "Rain Man" in neue Spielzeit

„Rain Man“ im Aachener Das Da Theater : Auch das Publikum soll verstehen und akzeptieren

„Rain Man“ im Das Da Theater

Mit „Rain Man“, dem Kinoerfolg mit Dustin Hoffman und Tom Cruise, kam das Thema „Autismus“ 1988 ins Gespräch. Dan Gordon hat aus dem Drehbuch und der Geschichte der Brüder Raymond und Charlie Babbitt ein bewegendes Bühnenstück destilliert, mit dem das Aachener Das Da Theater die neue Saison eröffnet.

Theaterleiter Tom Hirtz arbeitet in seiner Regie mit Intensität die Kraft tief verborgener Gefühle heraus, die Kraft einer geheimen Verbindung, die über alles Trennende hinweg funktioniert. Die Story ist bekannt: Charlie, geldgieriger Autohändler mit großer Klappe und am Rande des Ruins stehend, erfährt nach dem Tod des Vaters, dass dessen Vermögen Charlies behindertem  Bruder Raymond zukommt, der in einer Klinik lebt. Von dessen Existenz hatte Charlie keine Ahnung. Er will die Hälfte der Summe haben. Kurzerhand packt er Raymond ins Auto und fährt mit ihm los, um den Treuhänder zu erpressen. Eine Tour, die unerwartete Folgen hat.

Im Bühnenbild von Frank Rommerskirchen (gleichfalls Kostüme) werden die Stationen der Reise durch ungewöhnliche Installationen markiert: In einer Schlüsselszene erkennt Raymond, der als Autist über eine enorme Gedächtnisleistung verfügt, auf den ersten Blick, dass 246 Zahnstocher aus einem Behälter auf den Boden gefallen sind. Überdimensional prägen die Hölzer nun den Bühnenraum – es sind 150 Stück. Sie erinnern an ein riesiges Mikado-Spiel, bei dem höchste Sensibilität gefordert ist, wenn man die Stäbe berührt.

Hirtz kann sich auf ein fabelhaftes Ensemble verlassen. Mehdi Salim spielt den halbseidenen Autohändler Charlie als umtriebigen Typ, der dauernd in der Klemme steckt. Er lässt ihn in der Erfahrung mit Raymond sympathischer, weicher, netter werden – aber nicht zu sehr. Den Kummer der Kindheit kann man nicht löschen. Frank Siebenschuh legt als Raymond eine Glanzleistung vor; er lebt die Eigenheiten eines Menschen mit autistischen Eigenschaften unaufdringlich und intensiv.

Eine körperlich wie psychisch fordernde Aufgabe. In sich gekehrt, angespannt, steif zieht er sich in sich selbst zurück, der Kopf bleibt auf der rechten Schulter, der Blick meidet den Kontakt mit anderen, die Stimme ist monoton. Kommt man ihm zu nah, brechen unvermittelt Ängste auf. Was für eine schauspielerische Leistung!

Schwierige Annäherung: Mehdi Salim (links) als Charlie und Frank Siebenschuh als Raymond in „Rain Man“ im Aachener Das Da Theater. Foto: Ulrike Bieler

Wie finden diese Brüder zueinander? Am Anfang gar nicht. Erste Hinweise, dass Hinwendung ein möglicher Weg der Annäherung ist, liefern Franka Engelhard als Charlies Freundin Susan und Andreas Strigl als Klinikleiter Dr. Bruener. Charlie lernt – zunächst, wie man mit Raymond im Casino gewinnt, dann mehr und mehr, wie sich Gefühle und Respekt entwickeln. Ein mühsamer Prozess, den Hirtz zulässt. Madeline Hartig und Cornelius Engemann vertreten die kopfschüttelnd-ignorante „normale“ Gesellschaft. Besonders der Person des Autisten gibt Hirtz viel Raum, denn auch das Publikum soll verstehen und akzeptieren. Das dauert, wie man an lauten Lachern in unpassenden Momenten hört.

Wenn in der Schlussszene Raymond langsam seinen Kopf auf die Schulter des Bruders senkt, ist das so bewegend und rührend, dass jedes Wort überflüssig wird. Viel Applaus.

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