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Aachen: Das Bild Karls des Großen im Rolandslied

Aachen : Das Bild Karls des Großen im Rolandslied

Valéry Giscard dEstaing, früherer Präsident der Französischen Republik und bekennender Europäer nicht erst seit seiner Übernahme der Präsidentschaft des EU-Konvents, erhält den Internationalen Karlspreis zu Aachen des Jahres 2003.

Nur Recht also, dass sich das Institut für Romanische Philologie der RWTH Aachen am Rahmenprogramm zu den Festlichkeiten beteiligt. Und wen wollte es wundern, dass darin auch Karl der Große, Aachens beliebtester Franzose, eine Rolle spielt.

„Das altfranzösische Chanson de Roland, Karl der Große und Aachen” war nämlich ein Vortrag überschrieben, den Dr. Wolf Steinsieck, Akademischer Oberrat am Institut hielt.

Als „Gründungstext” französischer Literatur, Geschichte und Kultur gerühmt, zeichnet das auch als „Rolandslied” bekannte Epos ein diffiziles Bild des Ur-Franken.

Steinsieck, der es in vierjähriger Arbeit neu übersetzt und kommentiert hat, nennt es sogar eine „einseitige christliche Propagandaschrift” - wenn man die Entstehungszeit (12. Jahrhundert) und den historischen Politik-Kontext (Kreuzzüge) berücksichtigt.

Zuvorderst geht es in den insgesamt 291 Strophen (mit 5 bis 34 Zeilen) und 4002 Versen um Karls Kampf gegen die Sarazenen in Spanien.

Aus zwei (historisch verbürgten) Monaten im Jahre 778 werden zwar sieben Jahre, und mehr als einmal hilft dem Gut-Mensch Karl laut Rolandslied himmlischer Beistand aus arger Bedrängnis.

Doch interessant ist vor allem, wie gegenläufig die ideologischen Stigmen sind, mit denen Karl, aus dem erst später „der Große” werden sollte, beschrieben wird.

„Nicht nur als christlicher Universalherrscher” werde er idealisiert, so Steinsieck, sondern auch als absoluter Potentat ohne moralische Skrupel, der sich unnachgiebig des Lehnrechts und des Vasallentums bedient, wenn es der Sache, also dem Reiche nützt.

Dabei scheint auch Roland, der aus Unbedacht der Oberen den Sarazenen zum Opfer fällt, durchaus eine historisch verbriefte Gestalt zu sein. Laut Steinsieck wird er in Urkunden und Texten erwähnt sowie auf Münzen abgebildet.

Anderen Quellen zufolge ist er gar das Ergebnis einer inzestuösen Verbindung Karls mit seiner Schwester.

Nicht zuletzt ist das Heldenepos aber auch ein Beispiel dafür, wie Dichtung mit Wahrheit kollidiert, wie ambivalent die Kunst, um nicht zu sagen die Kunst der Geschichtsschreibung mit historischen Tatsachen umzugehen weiß, wenn es denn nur einem edlen, wahren und guten Zwecke dient.