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Stolberg: Damit andere Mütter arbeiten können

Stolberg : Damit andere Mütter arbeiten können

Lotte sieht nicht zufrieden aus, ihr kleines Kinn kräuselt sich, der Schnuller in ihrem Mund wackelt verdächtig - und schon fängt die Einjährige an, herzzerreißend zu weinen. Waltraud Moll ist aber gleich zur Stelle, hebt das Kind auf ihren Schoß und redet beruhigend auf die Kleine ein.

Waltraud Moll ist nicht die Mutter von Lotte, die 49-Jährige ist Lottes Tagesmutter, mit Tagespflegeerlaubnis vom Jugendamt. Zweimal pro Woche kümmert sie sich vormittags um das kleine Mädchen, das sich auch auf dem Schoß von Waltraud Moll noch nicht beruhigen will. Und Lotte ist nicht das einzige Kind, das zu „Walli” Moll kommt. Da sind noch der zweijährige Samuel mit seiner Freundin Nele, die ebenfalls zwei Jahre alt ist, und Ben (1), der fröhlich in einem Schaukelpferd wippt.

Und jeden Morgen sieht das kleine Grüppchen, das zu ihr kommt, anders aus. „Kein Kind kommt jeden Tag zu mir und alle bleiben unterschiedlich lange”, erklärt Waltraud Moll. Wer wann und wie lange zu ihr kommt, das richtet sich nach den Arbeitszeiten der Mütter. Zum Teil sind ihr die Kinder privat vermittelt worden. Aber auch über den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) kommen die Kleinen zu Waltraud Moll, die sich vor vier Jahren dazu entschlossen hat, Tagesmutter zu werden. „Damals bin ich arbeitslos geworden”, erzählt die gelernte Steuerfachangestellte.

In der Zeit ohne Job hat sie auf das Kind einer Freundin aufgepasst und damals sei dann langsam die Idee in ihr gewachsen, Tagesmutter zu werden. „Heute bin ich froh darüber, manchmal ist es anstrengend, aber es macht mir große Freude, und ich weiß, dass wenigstens andere Frauen arbeiten gehen können.” Sie selbst hat schlechte Erfahrungen gemacht, als ihre Kinder klein waren. „Chefs haben oft wenig Verständnis.” Deshalb richte sie ihren Alltag an dem der Mütter aus. Ihre Termine plant sie so, dass keine Mutter in Bedrängnis gerät.

Wie wichtig dies ist, weiß auch Angelika Rödel-Walter vom SkF: „Viele junge Mütter wollen oder müssen arbeiten gehen, der Stellenwert einer Tagesmutter wird immer wichtiger. Und jede sollte entscheiden dürfen, ob sie lieber daheim bleibt oder arbeiten geht und das Kind in dieser Zeit zu einer Tagesmutter bringt.”

Der SkF berät Eltern und Alleinerziehende, vermittelt Tagesmütter und kümmert sich mit dem Kooperationspartner (Helene-Weber-Haus) um die Ausbildung der Tagespflegepersonen. Eine Ausbildung, die auch Waltraud Moll gemacht hat, besteht aus Grundkurs, zwei Aufbaukursen und einem Erste-Hilfe-Kurs für Säuglinge und Kleinkinder, gewisse Grundkenntnisse sind daher nicht schlecht. Außerdem müssen die Tagesmutter und alle im Haushalt lebenden Personen über 18 Jahre ein polizeiliches Führungszeugnis und ein Gesundheitszeugnis vorlegen.

Also muss der Partner mitziehen und da hapert es bei einigen, weiß Waltraud Moll. Sie dagegen wird sowohl von ihrem Mann als auch von ihren drei Kindern unterstützt, besonders von dem zehnjährigen Sohn Christoph.

Jede Menge Spielzeug gibt es, doch eins nicht: Fernsehen. „Der bleibt aus. Stattdessen singen wir, beobachten Tiere oder basteln”, erklärt die Tagesmutter, die direkt am Wald wohnt und jeden Tag mit den Kindern raus geht, damit sie sich bewegen und etwas lernen können.

Der SkF achtet darauf, dass den Kindern auch ein Bildungsanangebot gemacht wird, wie Angelika Rödel-Walter erklärt. „Betreuung, Bildung und Erziehung sind die Säulen, auf die wir in der familären Kindertagespflege achten.” In Hausbesuchen vergewissert sich der SkF auch, ob alle Vorgaben eingehalten werden.

Lotte bekommt derweil ihren Brei, während der CD-Player Kinderlieder spielt. Nele und Samuel tanzen dazu, während Ben neugierig zuschaut und sich was abguckt. Auch wenn es mal lauter wird, Waltraud Moll scheint nichts aus der Ruhe zu bringen. „Wem nützt es, wenn ich auch Hektik verbreite oder mich aufrege?”

Aufregen kann sie sich allerdings, wenn man fragt, wie man denn sein Kind bei einer Fremden abgeben könnte. „Das ist doch eine veraltete Einstellung und typisch für Deutschland. Damit wird den Müttern ein schlechtes Gewissen gemacht - und ich glaube, deshalb gibt es in Deutschland auch so wenige Kinder”, sagt sie. Dabei seien Kinder doch so wichtig. Ohne die Kinder, das kann sie sich gar nicht mehr vorstellen.

Lottes Tränen sind längst getrocknet. Sie spielt jetzt zufrieden mit Legofiguren.