1. Kultur

Essen: Da wird doch der Rhein zum Freudenhaus

Essen : Da wird doch der Rhein zum Freudenhaus

Wotan in zeitlosem Feinripp mit Eingriff liebt Woglinde inklusive zweier Stellungswechsel. Donner und Froh ergehen sich in brüderlich-inzestuöser Lack-und-Leder-Dominanz. Alberich sieht dem Treiben von außen zu und kühlt seine „brünstige Glut” mit eigener Hand, so dass der „garstig glatte glitschige Glimmer” auf dem Grunde des Rheins einen zweideutig-eindeutigen Akzent erhält.

Der mythologische Gruppen-Sex im rheinischen Edel-Puff von Wellgunde und ihren Schwestern gewährt einen Blick in den indiskreten Charme einer Bourgeoisie, die schon vor dem ersten Takt moralisch so abgewirtschaftet hat, dass Wagner eigentlich nach zehn Minuten zur apokalyptischen „Götterdämmerung” blasen könnte. Und damit bestätigen sich die Vorbehalte gegen die Konzeption des neuen Essener „Rings” noch früher und plastischer als erwartet.

Machtexzesse auf der Müllhalde

Der Versuch, die vier Abende von Wagners monumentaler „Nibelungen”-Tetralogie als separate Teile von vier isoliert arbeitenden Regisseuren inszenieren zu lassen, ging schon in Stuttgart nicht auf. Trotz brillanter Einzelleistungen und eines hohen musikalischen Standards.

Wagners Vision, eine profitorientierte Welt ohne mitmenschliche Liebe und ohne Rücksicht auf die Natur treibe ihrem Untergang zu, entzieht Tilman Knabe im Essener „Rheingold” jede mythische Dimension und reduziert das Werk damit auf eine überspitzte Karikatur proletarischer Verelendung in einem materialistischen System.

Bei ihm vegetieren die Nibelungen bereits vor Alberichs Machtexzessen auf einer Müllhalde, und die Natur bleibt ganz außen vor. Folglich kann Wotan bei Knabe auf den Speer, das Symbol seines Frevels an der lebenserhaltenden Weltesche, verzichten. Und da der eigentlich noch intakte Rhein schon zum Freudenhaus mutierte, verliert auch dieser Bedeutungsstrang jede Entwicklungsmöglichkeit. Loges abschließende Warnung, „Ihrem Untergang eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen”, wird damit in einer so isolierten, eindimensionalen Sehweise so überflüssig wie das ganze „Rheingold”. Proletarisches Elend dokumentiert Hauptmann in den „Webern” eindringlicher.

Angesiedelt ist das Stückwerk in einem Einheitsbühnenbild von Alfred Peter: Ein abgetakeltes Herrenhaus mit einem unterirdischen Bordell, einem gewaltigen Müllschacht, einem bürgerlichen Salon, einem Gärtchen mit Freias lebensspendendem Apfelbaum und Büros für Fricka und die Riesen. Abbild einer bereits verlorenen Welt, die keinen Platz für Wagners Hoffnungsschimmer nach dem großen Zusammenbruch der „Götterdämmerung” zulässt.

Allerdings muss man Knabe bescheinigen, dass er jedem pathetischen Stehtheater aus dem Wege geht. Mit einem ungewöhnlichen Aktionismus baut er Nebenschauplätze auf, die leider immer wieder vom Geschehen ablenken. Dass ausgerechnet beim Aufblitzen des „Rheingolds” Froh und Donner machoartig die armen Nibelungen malträtieren, steht der magischen Fokussierung der Musik auf das metallische Naturereignis im Wege. Einen wirklichen Lichtblick bietet der Auftritt der Erda, die, wie eine afrikanische Göttin, aus einer anderen Welt in den unappetitlichen Machtkampf eindringt.

Auch Stefan Soltesz scheint mit getriebener Hektik jeden pathetischen Ansatz ausmerzen zu wollen. Bei ihm stimmt zwar die Konzeption, doch geht er so weit, dass die Musik keine Luft mehr zum Atmen findet. Wotans selbstgerechte Monologe brauchen eine feste Konsistenz, Erdas Warnungen müssen sich entfalten können, das Fluch-Motiv benötigt eine gewisse Schwere. Trotz des hohen orchestralen Niveaus der Essener Philharmoniker klingt die Musik wie ein Gewaltmarsch, um so schnell wie möglich zum bitteren Ende zu kommen.

Da verwundert es nicht, dass Soltesz auf sehr leichte Stimmen setzt. In manchen Fällen leider zu leichte: Almas Svilpa fehlt als Wotan die nötige stimmliche Substanz und bleibt blass wie ein Abziehbild des Obergottes. Den Riesen Andreas Macco und Marcel Rosca mangelt es an stimmlicher Tiefenschwärze. Rainer Maria Rohr gestaltet den Loge zwar gesanglich kultiviert, lässt sich auch als vorzüglicher Mime im „Siegfried” vorstellen”, wirkt als Loge jedoch zu leichtgewichtig.

Ihren Aufgaben vollauf gerecht werden der profunde Alberich Jochen Schmeckenbechers, die wohltönende Erda von Ljubov Sokolova, der Soltesz leider zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten lässt, und das vorzügliche Rheintöchter-Trio mit Katherina Müller, Bea Robein und Barbara Kozelj. Der Rest des Ensembles bewegt sich im mittleren Feld.Freundlicher Beifall, in den sich einige, aber nicht besonders massive Buhs für das szenische Team mischten. Mit Barrie Koskys „Tristan” und Hans Neuenfels´ „Tannhäuser” kann sich der „Ring” bis jetzt noch nicht messen. Aber das kann sich vielleicht noch ändern.