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Aachen: Da helfen auch keine hehren Götter: „Orestie” am Theater Aachen

Aachen : Da helfen auch keine hehren Götter: „Orestie” am Theater Aachen

„Wer tut, muss leiden. Tun - leiden - lernen.” Daraus gibt es kein Entrinnen, und ob am Ende tatsächlich ein Lernprozess steht, darf doch sehr bezweifelt werden. Auf Blut folgt Rache folgt Blut folgt Rache folgt Blut folgt Rache: Das ist die Moral von Aischylos´ monumentaler Trilogie „Orestie”.

Chefregisseur Ludger Engels hat sie in einer angemessen abgespeckten Version auf die Bühne des Theaters Aachen gestemmt.

Über drei Stunden reine Spielzeit, jede Menge griechische Mythologie, Peter Steins strenge und gleichzeitig sehr klare Prosa-Übersetzung, reichlich Theaterblut, Verzweiflung, Tod und Wahnsinn, Schuld und Sühne: Engels mutet dem Publikum einiges zu, und dafür sei ihm aufrichtig gedankt. Denn er verstrickt uns tief in diesen 2500 Jahre alten Urstoff, der doch so aktuell ist. Und er langweilt nicht.

Auch Engels misstraut der optimistischen Lesart des Stückes, in der die Überwindung der Blutrache durch eine Politik des Ausgleichs gefeiert wird. Er fragt, ob Menschen leben können, ohne Schuld auf sich zu laden. Bei ihm sind Orestes und Elektra, Klytaimnestra und Aigisthos Getriebene, die sich nicht befreien können aus den Verstrickungen der Geschichte. Da helfen keine Götter - vor allem nicht, wenn sie so menschlich daherkommen.

Der erste Teil der Trilogie ist gleich der stärkste. Drei Stuhlreihen, dahinter eine holzvertäfelte Wand, davor ein Mikrofon: ein Konzerthaus (Bühne: Ric Schach- tebeck) voller Sprache und Klang (Toneffekte: Boris Hegenbart).

Es nimmt Aufstellung der Chor der Bürger von Argos, alle ganz in schwarz und mit der Textkladde unterm Arm: vorne acht Schauspieler, aus denen sich immer wieder Figuren des Stücks herausschälen, indem sie ganz einfach Hand anlegen an die sehr variablen Kostüme (Britta Leonhardt), hinten die anonyme Masse (der sinfonische Chor Aachen, mit dem Engels später aber leider nicht mehr viel anzufangen weiß).

Zusammen wird deklamiert, was das Textbuch an Vorgeschichte hergibt, bis sich Klytaimnestra (Bettina Scheuritzel als Vamp im langen Glitzerkleid) ihren Weg durch die feindsinnige Einheitsfront bahnt - die Blutorgie kann beginnen.

Opfer gibt es reichlich: zunächst der von Wächter (Heino Cohrs) und Herold (Matthias Bernhold) angekündigte, siegreich aus Troja heimkehrende Agamemnon (Thomas Hechelmann als Machtmensch im Kampfanzug) nebst Kriegsbeute und Konkubine Kassandra (Sophie Basse als von ihren Visionen erdrückte Seherin), gemeuchelt von seiner Gattin Klytaimnestra und ihrem Geliebten Aigisthos (Markus Haase als stotternder, brandgefährlicher Nero-Verschnitt).

Im zweiten Teil dann diese beiden selbst, getötet von Agamemnons Sohn Orestes. Die Tat selbst zeigt Engels nach alter Griechensitte nicht, die Leichen aber lässt er auf Bahren an die Rampe fahren - blutüberströmte Fleischberge, auf dass sich der Zuschauer nicht zu wohlig einrichte in seinem Sessel.

Das ist keine billige Effekthascherei, sondern Teil eines ganz auf Psychologie setzenden Konzeptes, das ohne Umschweife zeigen will, was der Fluch, der auf dem Königshaus von Argos liegt, aus den Menschen gemacht hat.

Engels gelingen dabei im ersten und zweiten Teil brillante Bilder und Momente höchster Intensität: Da ist Klytaimnestra, deren coole Fassade kurz zusammenbricht, als sie daran erinnert, wie Agamemnon ihre Tochter Iphigenie den Göttern opferte. Da ist Orestes, dem Fredrik Jan Hofmann viel Tiefenschärfe als nervös rauchender junger Mann gibt, der mit sich ringt, bevor er - nackt bis auf die Feinripp-Unterhose - die Mutter und ihren Geliebten tötet - angestiftet von seiner Schwester Elektra (großäugig-aufsässig: Johanna Falckner), die sich zuerst zu ihrem toten Vater und später zur toten Mutter auf die Bahre legt.

Den Mord übrigens werden die drei Begleiterinnen Elektras (Sophie Basse, Elisabeth Ebeling und Nicole Tober als selbstgestrickte Girlies) an der Rampe mit einem bizarren Wahnsinns-Sirtaki feiern: klack, klack, klack, immer wieder. Wahnsinn allerorten.

Schade, dass Engels im dritten Teil etwas die Luft ausgeht. Die Gerichtsverhandlung gegen Orestes wird von aufdringlichen Anspielungen erdrückt (Straßenszenen aus Aachen auf Leinwänden!), die Götter (Matthias Bernhold als aalglatter Apollon und Nicole Tobler als beinharte Athene) geraten als Politiker-Karikaturen zu eindimensional. Der Chor steht unnütz im Parkett herum, derweil ein Teil des Publikums das Geschacher zwischen Rache fordernden Erinnyen und Athene hautnah verfolgen darf. Klytaimnestra wandelt wie ein Zombie über die Bühne, und Elektra kritzelt wie verrückt und immer wieder „Rache” auf den Boden.

Keine Erlösung, nirgends.