Aachen: Da blühen klangliche Wunder auf

Aachen: Da blühen klangliche Wunder auf

Es war gewiss nicht das populärste, dafür aber eins der interessantesten Programme der vergangenen Jahre, das Kazem Abdullah für das 6. Sinfoniekonzert im gewohnt gut besuchten Aachener Eurogress zusammengestellt hat.

Im Mittelpunkt standen drei bedeutende, dennoch viel zu selten aufgeführte Werke des 20. Jahrhunderts aus der Feder von Meistern, die allesamt im Dritten Reich ins Exil fliehen mussten.

Besonders dankbar durfte man die Begegnung mit dem wichtigsten Werk des Abends, Béla Bartóks 1936 entstandener „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“, goutieren, das nach Angaben des Musikkritikers Alfred Beaujean in Aachen zum letzten Mal im Jahr 1958 in einer mäßigen Aufführung auf dem Programm stand.

Von Mittelmaß konnte bei der jetzigen Darbietung nicht die Rede sein. Die eng verschlungenen kanonischen Verzweigungen des Kopfsatzes arbeitete Abdullah präzis und mit subtilem Klanggespür aus und führte die sich stetig steigernde dynamische Entwicklung spannungsvoll zum Höhepunkt.

Auch die klanglichen Wunder des langsamen dritten Satzes, in dem Bartók die Möglichkeiten des bizarren Instrumentariums mit unübertrefflicher Sensibilität und Fantasie ausschöpft, blühten unter Abdullahs Leitung in ungetrübter Schönheit auf. Die beiden tänzerisch auftrumpfenden Sätze ging er umso schwungvoller an, was zwar zu spieltechnischen Ungenauigkeiten führte, den Wert der hochklassigen Interpretation jedoch nicht minderte.

Wertvoll ist auch die Erinnerung an Paul Hindemiths „Konzertmusik für Streicher und Blechbläser“, die Hindemith für die virtuosen Perfektionisten des Boston Symphony Orchestras komponierte. Ein prachtvolles, ebenso effektvolles wie gehaltvolles Werk eines Meisters, dessen 50. Todestag im vergangenen Jahr nahezu unbeachtet geblieben ist.

Das Aachener Sinfonieorchester konnte auch hier seine beachtliche Spielkultur eindrucksvoll unter Beweis stellen. Warum man den naturgemäß überaus präsenten Blechbläsern nur eine reduzierte Streichergruppe gegenüberstellte, lässt sich freilich nicht nachvollziehen. Von einer ausgeglichenen Balance der Gruppen konnte so keine Rede sein.

Kurt Weill, der Meister der „Dreigroschenoper“ und erfolgreicher Broadway-Musicals, zeigt sich in seinem Violinkonzert von einer ungewohnten Seite. Eine kleine Bläserbesetzung und zwei Kontrabässe müssen genügen, die Weill so agil und klanglich kühl einsetzt wie Igor Strawinsky in seiner Phase rund um die „Geschichte vom Soldaten“. Die drei recht langen Sätze enthalten eine Vielzahl stilistischer Kontraste, die an den Solisten hohe Ansprüche stellen.

Souveräner Solist: Ilya Gringolts

Ein etwas spröder, aber anspruchsvoller Solopart, den der junge russische Geiger Ilya Gringolts mit müheloser Souveränität meisterte. Auch wenn das Werk die Herzen der Hörer nicht auf Anhieb erwärmen mag, zeigten sich Aachens Musikfreunde doch so begeistert von dem Solisten, dass ein ironisch gefärbter Teil des zweiten Satzes als Zugabe wiederholt wurde.

Einen ganz kurzen Gruß aus seiner amerikanischen Heimat überreichte Kazem Abdullah seinem Publikum zum Auftakt mit Charles Wuorinens „Grand Bamboula“ für Streichorchester. Leider nur eine hektisch aufgeladene Klangwolke voll heißer Luft. Mehr nicht.

Insgesamt großer Beifall für eine preiswürdige Programmzusammenstellung auf hohem gestalterischem Niveau.

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