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Aachen: Cultura Nova: Zauberndes Akkordeon und Puppen, die lebendig werden

Aachen : Cultura Nova: Zauberndes Akkordeon und Puppen, die lebendig werden

Sitzfleisch war am späten Samstagabend im Theater Aachen kaum vonnöten - überall im Hause wurde etwas geboten, ständig blieb man in Bewegung. Der Strom von interessierten Besuchern riss nie ab, viele junge Gäste blieben bis in die Nachtstunden, um mit einer Aftershow-Party und Live-Music den Performance-Abend, der im Rahmen des Heerlener Festivals Cultura Nova als „Abstecher” in Aachen stattfand, ausklingen zu lassen.

Bei dem reichen Angebot an Erlebnissen für Ohr, Auge und Gefühl wurde jedem etwas geboten. Beteiligt waren nebst Theater Aachen erneut das Theater K und die Toneelacademie Maastricht. Nach dem kess-klugen Auftakt („Birne”) in englischer Sprache mit zwei Studierenden der Toneelacademie Maastricht konnte man in der Kammer mit drei Spielerinnen und einer lebensgroßen Puppe völlig neue Eindrücke gewinnen.

„Life in a dead Circus” (Leben in einem toten Zirkus) kam zunächst ohne gesprochenes Wort aus, was einige Irritationen beim Publikum auslöste. Faszinierend aber, wie Julia Brettschneider, Wiebke Alphei und Friederike Hellman die bleiche Statue zum Leben erweckten. Mehr als ein Puppenspiel entfaltete sich da in einigen wenigen Szenen - was passiert, wenn Totes und Lebendiges aufeinandertreffen, und was ist ein „echter” Körper? Was bedeutet Körperlichkeit? Ein „Totentanz” besonderer Art, der das Leben in jeder Form feierte.

Ein echter Höhepunkt war die üppig angelegte Gemeinschafts-Performance „Socalled Disorder” (sgenannte Unordnung) von und mit der Tanzcompany 0110move, Manfred Leuchter am Akkordeon und Schauspielern vom Theater K. Das spielfreudige Gesamtensemble bot ein köstliches Gesamtkunstwerk voller Überraschungen und hintersinnigem Witz. Und begeisterte unentwegt mit musikalischen, theatralen und tänzerischen Fertigkeiten. Der unaufhörliche Kampf um Ordnung führt in komische Verzweiflung, und was Manni Leuchter seinem zauberhaften Akkordeon an Tönen abgewinnt, ist schier unglaublich.

Leises Kunstwerk

Aber auch ein so leises „Kunststück” mit Schauspieler Joey Zimmermann als „Platten-Spieler” gewann viele Freunde, die sich eine Platte zum Tanzen wünschen durften. Die Palette reichte von Hans Albers, Janis Joplin und Elvis Presley bis hin zu Schuberts „Winterreise”. Nur hörbar für den Tanzenden selbst vollzog sich diese Performance, die dennoch viele Zuschauer gewann.

Ein besonderer Leckerbissen: Die Video-Installation von Gilbert & George, dem berühmten britischen Künstlerpaar, das sich selbst als lebende Skulptur sieht und begreift. Ausgeliehen vom Ludwig Forum in Aachen, zog das erste Video des Paares mit dem Titel „Gordon makes us drunk” viele Zuschauer an, ein Video, das sich witzig mit Gin (Marke Gordon), Nationalitäten und vorbildlichem Verhalten befasst. Auch die „Foyerdialoge” im Spiegelfoyer interessierten viele Besucher: Die Begegnung einer tanzenden Pianistin (Annalisa Derossi) mit einer performenden Flötistin (Sonja Mischor) vollzog sich ebenso schräg wie spannend vor vielen staunenden Augen.

Vieles gab es im gesamten Haus zu bestaunen, und viele Besucher blieben dem „offenen” Theater auch nach der Geisterstunde erhalten. Und bald schon kommt die Eröffnung der neuen Spielzeit: Am 17. September startet die Saison mit einem Theaterfest.