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Cools-Prozess: Auftraggeber im Visier

Cools-Prozess: Auftraggeber im Visier

Lüttich (an-o) - Auch 12 Jahre nach dem Mord am ehemaligen Minister André Cools sind die Hintergründe der Tat ungeklärt. Gestern begann der Prozess, der aufklären soll, wer die Auftraggeber waren.

André Cools war 1991 auf einem Parkplatz im Lütticher Vorort Cointe von zwei Tunesiern erschossen worden, die im Juni 1998 in Tunis zu 20 sowie fünf Jahren Haft verurteilt wurden. Seit Jahren versucht die belgische Justiz, die Auftraggeber und deren Helfer zu überführen. Acht Beschuldigte stehen in Lüttich unter Anklage, doch seit dem März 2002 fehlt der Hauptverdächtige. Der ehemalige wallonische Regionalminister Alain van der Biest, einst Amtsnachfolger von Cools, hat vor eineinhalb Jahren Selbstmord verübt. Van der Biest, der von verschiedenen Seiten als Auftraggeber beschuldigt wurde, hat bis zum Schluss seine Unschuld beteuert.

Außer van der Biest gibt es weitere Abwesende, weshalb die belgischen Medien äußerst skeptisch sind und bezweifeln, dass dieser Prozess die ganze Wahrheit zutage fördern wird. Der einzige Angeklagte, der ein Geständnis abgelegt hat, ist in Sizilien und wird am Prozess nicht teilnehmen. Da Italien seine Staatsbürger nicht ausliefert, müsste er freiwillig nach Belgien kommen, was äußerst unwahrscheinlich ist. Ein anonymer Zeuge, der die Fahnder auf die Spur der tunesischen Mörder geführt und die Auftraggeber genannt hat, wird wohl anonym bleiben.

Mehrere Korruptionsfälle

Als Auftraggeber kommen außer Alain van der Biest auch sein persönlicher Sekretär Richard Taxquet und sein Chauffeur Pino di Mauro in Frage. Di Mauro war 1998 in einer Gegenüberstellung per Videokonferenz, die vor wenigen Tagen im belgischen Fernsehen gezeigt wurde, von den beiden tunesischen Mördern als Auftraggeber identifiziert worden. Die Lütticher Generalstaatsanwaltschaft geht von einem politischen Komplott aus.

Demzufolge soll Cools der politischen Karriere van der Biests im Wege gestanden und damit gedroht haben, das kriminelle Umfeld von Taxquet und den übrigen Angeklagten - alle Italiener oder Italo-Belgier - auffliegen zu lassen, die die Infrastruktur des Ministeriums genutzt hatten, um gestohlene Wertpapiere zu verkaufen.

Der Prozess sorgt mit seinen ungewöhnlichen Dimensionen für enormes Medienecho. Die Prozessakte umfasst fast 90.000 Seiten und die Zahl der Zeugen, die gehört werden sollen, ist mit über 400 außergewöhnlich.

Das Cools-Attentat war der zweite politische Mord in der Geschichte Belgiens und der erste an einem Spitzenpolitiker. Der frankophone Sozialist aus Flémalle zählte als Vizepremier und Wirtschaftsminister zu den einflussreichsten Politikern des Landes, ehe er sich 1990 aus der aktiven Politik zurückzog. Die Ermittlungen in der Cools-Affäre haben auch mehrere große Korruptionsaffären aufgedeckt, in die vor allem sozialistische Spitzenpolitiker verwickelt waren.