Aachen: Compagnie Chute Libre fasziniert beim Schrittmacher-Tanzfestival

Aachen : Compagnie Chute Libre fasziniert beim Schrittmacher-Tanzfestival

Ein dumpfes Donnergrollen erschüttert die Backsteinmauern der Fabrik Stahlbau Strang und steigert sich allmählich im hohen düsteren Raum. Auf der Bühne ein Wald aus Scheinwerfern, dazwischen sitzen ein paar Leute herum, scheinbar unbeteiligt.

Ein Mädchen tastet sich aus dem Hintergrund nach vorn zu einem kleinen Licht, liegt schließlich da, unbewegt: Die französische Compagnie Chute Libre, was so viel bedeutet wie „freier Fall“, baut beim Aachener Tanzfestival Schrittmacher mit provokativer Gelassenheit Spannung auf.

Sie setzt zum Sprung an und landet in einer explosiven Choreographie, in der Annabelle Loiseau und Pierre Bolo Tanztheater mit archaischer Kraft und heutiger Bewegungskultur zu einem dichten Netz verweben. „In Bloom — Un sacre du printemps hiphop“ ist ein besonderes Werk. Die wilde Komposition von Igor Strawinsky hat 1913 mit den Balletts Russe in einer gleichfalls wilden Choreographie von Vaslav Nijinski für Empörung gesorgt.

Für Schrittmacher ist „Le sacre“ zu einem Prüfstein für gegenwärtige tänzerischer Ausdruckskraft geworden. Im letzten Jahr haben Künstler aus Kanada und Italien die Herausforderung angenommen — diesmal ist es die 2005 in Nantes gegründete Compagnie, bei der sich urbanes Tanzen mit klassischer Bewegungskultur zu einer persönlichen Sprache verbindet.

Zehn Tänzerinnen und Tänzer

Zehn Tänzerinnen und Tänzer betreten nach und nach die Bühne, jede und jeder ein spezieller Typ, selbstsichere Könner. Zur Musik Strawinskys sprühen sofort die Funken. Die Akteure werfen sich in diese hypnotischen Rhythmen, die sie magisch locken. Chute Libre fasziniert das Publikum mit kontrollierter Ekstase.

„Le sacre du printemps“ ist ein eruptives Werk, die drängenden Kräfte der Natur fordern im Aufbrechen des neuen Lebens Huldigung und Opfer. Und so entwickelt sich ein wildes Treiben in flatternden, wie zufällig wirkenden Kostümen. Naturfarben dominieren, nichts ist künstlich, Aggressionen brechen auf, Blicke funkeln, Männer und Frauen suchen einander und fliehen zugleich vor der Nähe. Dabei bietet das Spiel mit Nebelschwaden und dem warmen Licht der mobilen Scheinwerfer viele Variationsmöglichkeiten. Es entstehen tiefe, geheimnisvolle Räume, aus denen die Akteure plötzlich auftauchen und verschwinden können.

In den schnellen Formationen sind sie manchmal eine starke Front, machtvoll, laut und hart. Dann wieder drängen sich die geschmeidigen Körper eng aneinander, ineinander, die Bewegungen sind wohlig aber minimal. Irgendwann sind zehn Menschen in die schöpferische, schimmernde Urzelle zurückgekehrt.

Donnernder Applaus

Die Sehnsucht nach Licht wird ausgelebt in der emotionalen und facettenreichen Sprache des Hiphop. Wenn die Brust schmerzhaft hochschnellt, die Arme sich wie Meereswellen um den Körper bewegen, akrobatische Sprünge in bizarren Posen zu gefrieren scheinen, die Tänzerinnen und Tänzer in Zeitlupe über den Boden gleiten, fordert das tänzerische Perfektion. „In Bloom — Un sacre du printemps hiphop“ ist so jung, bitter, leidenschaftlich, sehnsuchtsvoll und kräftezehrend wie einst Strawinskys aufrüttelndes Werk — bis heute. Donnernder Applaus.

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