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Aachen: Chuck Close: „Gesichter sind Straßenkarten des Lebens”

Aachen : Chuck Close: „Gesichter sind Straßenkarten des Lebens”

„Ich fühle mich tatsächlich wie bei einem Familientreffen”, schwärmt Chuck Close und schaut zufrieden in die Runde, denn eine solche Anzahl seiner großen „Kinder” sieht der 67-Jährige selten so nah beisammen. „Manche habe ich nicht gesehen, seit ich sie gemalt habe.”

Am Freitag, 25. Mai, 20 Uhr, wird im Ludwig Forum Aachen (Jülicher Straße 97-109) mit Chuck Close „Erwiderte Blicke” eine Schau der Superlative eröffnet, die bis zum 2. September zu sehen ist.

In Kooperation mit dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia in Madrid, das sich über 250.000 Besucher freuen konnte, ist es Museumsleiter Harald Kunde gelungen, 28 der monumentalen Porträts unter das Dach der einstigen Schirmfabrik zu holen und damit einen der bedeutendsten amerikanischen Gegenwartskünstler auszustellen.

Eine besondere Freude: Chuck Close kommt zur Eröffnung, nimmt an einem Künstlergespräch des Vereins der Freunde des Ludwig Forums teil (Freitag, 18 Uhr) und ist schon seit Tagen interessierter und aufgeschlossener Gast des Hauses.

Wie er das Ludwig Forum empfindet? „Großartig, ein schönes Haus”, schwärmt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Chuck Close in Aachen - ein freundlicher Mann im Elektrorollstuhl, jederzeit zu einem Schmunzeln bereit und geduldiger Beantworter aller Fragen rund um das ernste Schweigen seiner gigantischen Porträts - durchschnittliches Format 2,74 mal 2,13 Meter.

Aachen - da denkt er mit besonderer Dankbarkeit an Peter und Irene Ludwig, die zu den ersten Käufern seiner Bilder gehörten, und das lange bevor die Welt oder auch nur der amerikanische Markt die Magie der Bilder von Chuck Close entdeckt hat. „Peter wollte sogar, dass ich Bilder male, die dann auf Schokoladenverpackungen abgebildet werden”, erinnert er sich amüsiert. Aber aus dem Projekt ist nichts geworden. „Das konnte ich mir irgendwie nicht vorstellen”, meint Close.

In der gegenwärtigen Aachener Retrospektive werden die grundlegenden Stationen seiner künstlerischen Entwicklung anschaulich dokumentiert. Da sind zunächst die extrem realistischen Abbilder von Freunden und Familienmitgliedern, in deren Gesichtslandschaften er jeder Falte nachspürt, dann die experimentellen Werke, zu denen Aufsplitterungen in digitale Strukturen gehören, und schließlich jene Gesichter, die von einem symmetrischen Raster überzogen sind und wie durch eine Mosaikglasscheibe den Betrachter anblicken.

In seinen fünf Selbstporträts (1967-2002) geht er mit sich selbst genauso um wie mit seinen anderen Modellen: Der Blick bleibt ernst und still. Warum niemand lächelt? „Weinen oder Lachen sind nur einzelne Emotionen, ich wollte den jeweiligen Menschen in seinem komplexen Charakter abbilden. Das Abbild eines Gesichtes ist die Straßenkarte eines Lebens.” Hat das Ergebnis den Dargestellten gefallen? „Nein”, lacht Close. „Niemandem! Hätte ich kommerziell gearbeitet, wäre das unmöglich gewesen.”

Für die Porträtierten hatten die Werke häufig einen besonderen Effekt. „Ihre Karrieren nahmen sofort einen Aufschwung.” Wenn von der Magie seiner Bilder die Rede ist, zieht er sich gern auf das Phänomen der Malerei zurück, möchte die Wirkung nicht personalisieren. „Malerei ist das faszinierendste Medium, das es gibt”, sagt er nachdenklich.

„Es werden Räume und Landschaften geschaffen, wo keine sind, Körperliches scheint zum Greifen nah, dabei bestehen sie eigentlich nur aus farbigem Schmutz auf einer glatten Oberfläche. Ich mag Fotos, aber da ist nicht das Gefühl der Berührung, das Bewußtsein von der Hand, die ein Bild gemalt hat.” Ein Aufenthalt in Rom hat seinen Blick auf Motive nachhaltig verändert. „Es waren die Mosaikböden in Ravenna, die mich faszinierten, die Bilder aus Steinen, die sich erst mit Distanz einer Körperlänge erschließen. Zuerst sieht man Stein an Stein, und plötzlich wird daraus ein Löwe.”

Nur eine Schublade

Entsprechende Bildideen haben bei ihm deutlich ihren Niederschlag gefunden. „Die Mosaikelemente in meinen Bildern gab es aber auch schon vorher”, betont Close. Seine größte Bewunderung gilt der nordeuropäischen Malerei, besonders den altdeutschen und holländische Meistern.

„Ich mag Caravaggio und viele andere. Aber der größte Zauberer ist für mich Vermeer, da ist wirklich pures Licht, aber ich schätze auch Frans Hals und Willem De Kooning sehr”, gerät er ins Schwärmen. Und Chuck Close persönlich? Wie geht er mit dem Etikett, er sei „Mitbegründer des amerikanischen Fotorealismus” um? „Ich mag es nicht, wenn man in eine Schublade gesteckt wird”, sagt er. „Das beleuchtet ja nur eine einzige Facette eines Künstlers. Das ist viel zu wenig.”

In ein paar Tagen ist er wieder daheim in seinem New Yorker Atelier, wo schon neue Werke warten. „Da bin ich der glücklichste Mensch.” Was ihn bisher am meisten inspiriert hat: „Aretha Franklin! Ich könnte sie den ganzen Tag hören.”