Neuer Generalmusikdirektor: Christopher Ward erobert weitere Herzen

Neuer Generalmusikdirektor : Christopher Ward erobert weitere Herzen

Die Standing Ovations nach seinem langen Antrittskonzert lassen vermuten, dass Christopher Ward, Aachens neuer Generalmusikdirektor, auch beim Publikum angekommen ist.

Auch wenn sich nicht ganz so viele Hörer zum 1. Sinfoniekonzert im Eurogress eingefunden haben, wie man angesichts der stattlichen Bestuhlung offensichtlich angenommen hat. Ob das Motto des Abends, „Fantastische Liebe“, auch als Programm für die Beziehung zwischen Dirigent und Publikum verstanden werden kann, wird die Zukunft zeigen. Die Weichen sind jedenfalls gestellt.

Mit zwei ebenso glanzvollen wie populären Liebesgeschichten ließ sich das Publikum schnell erobern. Gleichwohl stellen die Ansprüche von Peter Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ und Hector Berlioz’ „Symphonie Fantastique“ das Spielniveau eines Orchesters auf eine harte Probe. Dass es Ward mit der Werkwahl nicht um das vordergründige Erhaschen von Sympathiepunkten geht, bewies er mit Jörg Widmanns Orchesterstück „Chor“ aus dem Jahre 2004, einer 22-minütigen, kompositorisch auf der Höhe der Zeit stehenden und deshalb nicht immer bequem anzuhörenden Klangstudie, die Ward zwischen die romantischen Zugstücke postierte.

Interesse an effektvollen Werken

Es wurde schnell deutlich, dass Ward die zeitgenössische Musik nicht weniger am Herzen liegt als das klassisch-romantische Standardrepertoire. Und das betrifft nicht weniger sein Interesse an effektvollen Werken, die eine besondere orchestrale Brillanz voraussetzen und angesichts der nicht gerade idealen akustischen Bedingungen sowohl im Eurogress als auch im Theater nicht leicht zufriedenstellend zu realisieren sind. Umso überraschender, dass die Konturen in einem klanglich so monströsen und in den beiden Schlusssätzen auch blechlastigen Werk wie Berlioz’ „Symphonie Fantastique“ niemals außer Kontrolle gerieten. Fand Ward in der Tschaikowsky-Fantasie in den dynamischen Höhepunkten noch nicht immer zu einem optimal ausgeglichenen Klangbild, blieb der Orchesterklang bei Berlioz auch in den wüstesten Passagen erstaunlich transparent.

Mindestens so viel Wert legt Ward auch auf eine verfeinerte Spielkultur in den filigranen Teilen. Wie schon in Verdis „Macht des Schicksals“ fallen auch in seiner Berlioz-Interpretation extreme Tempokontraste auf, die auf den ersten Blick einen etwas uneinheitlichen Eindruck hinterlassen. Wenn man sich freilich in die zurückhaltend genommene Einleitung eingehört hat, bieten die teilweise sehr moderaten Tempi die Chance, die raffinierten Feinheiten der Partitur besonders deutlich hörbar werden zu lassen. Was für die bizarren Effekte im Schlusssatz nicht weniger gilt. Um die ohnehin beachtliche Spielkultur des Orchesters zu optimieren, beschreitet Ward damit gewiss den richtigen Weg. Zudem ihm das Orchester mit so viel Engagement und gutem Willen folgt, dass er an anderen Stellen das Tempo ohne Qualitätseinbußen mächtig aufdrehen kann.

All dies lässt sich auch auf Wards Umgang mit Jörg Widmanns „Chor“ übertragen. Ein Werk, in dem der Komponist versucht, das „Orchester zum Singen zu bringen“. Und das in einer schillernden, farbigen Klangstudie, die die Spielmöglichkeiten des Orchesters erheblich erweitert.

Kein Nachteil ist es, wenn ein Generalmusikdirektor keine Scheu spürt, sich ungezwungen an das Publikum zu wenden und das in gutem Deutsch. Ward gab den Hörern einige Hörhilfen zum unbequemen Widmann-Stück mit auf den Weg, bedankte sich nach dem Konzert beim Hornisten William Melton, der in den Ruhestand geht, für seine langjährige Treue — und Ward hatte sogar noch eine Zugabe vorbereitet, ein skurril-wildes Arrangement überdrehter bayerischer Defilier- und anderer Märsche, bei denen sich die Blechbläser in virtuosen Husarenritten austoben konnten. Das muss auch mal sein. Mit seinem Konzept, Effekt und Anspruch möglichst ausgewogen zu verbinden, scheint Ward einen interessanten und hoffentlich erfolgreichen Weg einzuschlagen.

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