Castorf in Köln: Rausch, Wahn und blaue Flecken

Hochdrucktheater : Castorf in Köln: Rausch, Wahn und blaue Flecken

Der Regiestar vertheatert Dostojewski im Mülheimer Depot. Eine beeindruckende Hirn-, Ohr- und Sitzfleischtortur.

Schmieren Sie sich ein Butterbrot für die Pause! Es gibt Zuschauer im Depot, dem Interimsdomizil des Kölner Schauspiels, die wären gerne früher gewarnt worden. Zum Beispiel die zierliche ältere Dame, erbost schnarrt sie den jungen Mann mit den Programmheften im Foyer an: „Sind Sie wahnsinnig?“ Dabei hatte er nur pflichtschuldig berichtet, dass die folgende Aufführung sechs Stunden dauern werde. Ungefähr.

Live-Video auf der Riesenleinwand

Warnung genug hätte doch eigentlich schon der Name des Verantwortlichen sein müssen. „Regie: Frank Castorf“ giftet es groß und grün vom Programmheft. Nach Gastspielen in Hamburg, München und Salzburg hat der ehemalige Chef der Berliner Volksbühne nun in der Zweitliga-Stadt inszeniert. Auch in Köln hätte man das doch mitbekommen können – wo Frank Castorf draufsteht, da ist verlässlich viel drin: sehr längliche Prosa und Live-Video, halbnackte Frauen und krisengeschüttelte Männer, Schauspiel als Kraftsport und Körperkunst, Rausch und Wahnsinn. Dafür lässt sich der Meister gerne Zeit. Und in Köln bietet er jetzt eben all das, was man von ihm erwartet. Für einige ist das offenbar zu viel. Bereits nach einem Stündchen verlassen die Ersten den Saal, nach der Pause ist vielleicht noch die Hälfte der rund 500 Zuschauer da, am Ende noch weniger. Dabei dauert die besuchte zweite Vorstellung, einen Tag nach der Uraufführung, nicht mal so lang wie angekündigt.

„Ein grüner Junge“ (1875) zu lesen, den wohl zu Recht unbekanntesten von Dostojewskis fünf großen Romanen, dauert jedenfalls deutlich länger. Vier hat Castorf schon vertheatert, jetzt macht der 67-Jährige das Quintett voll, obwohl der Berliner Regiestar selbst meint: „Da quält man sich janz schön durch.“ Auf gut 800 Seiten erzählt der 20-jährige Arkadij, gezeugt von einem Adligen und einer Magd, ausufernd und abschweifend von seiner Vater-
annäherung in St. Petersburg. Ein Sohn, zwei Väter, viele Probleme – und dazu diverse Handlungsstränge mit Fürsten und Geliebten, Spielern und Selbstmördern, Revolutionären und Gaunern. Das kann man auf der Bühne nicht nacherzählen. Und das will Castorf auch gar nicht. Ziemlich „werkgetreu“ bietet er jedoch erstaunlich viel Dostojewski, recht wenige private Kommentare und ein bisschen Heiner Müller.

Kreischen, keuchen, krächzen

Inhaltlich kann man dem Abend vorwerfen, sehr unscharf zu sein: Es geht mal um Kapitalismuskritik und Europas Niedergang, aber auch irgendwie um ganz schön viel anderes. Schärfer sind die (oft unscharfen) Bilder: Vier Kamera- und Tonmänner wuseln mit der Souffleuse über die Breitwandbühne, auf die Aleksandar Denic ein postkommunistisches Russland gebaut hat, einen wilden Osten mit Holzhaus inklusive Ikonen und Samowar, Sonnenbank und Sprossenwand rechts, Riesenleinwand links, darunter Billardtisch an Lada und Pepsi-Werbung.

Wie immer wird das Innere nach außen gekehrt: Die Nahaufnahmen offenbaren Schweißperlen und blaue Flecken der elf Schauspieler, die zum Dauer-Soundtrack aus Russen-Rock, Fleetwod Mac und Nick Cave zwischen Figuren, Wodka und Zigaretten switchen. Zwar haben die Kölner längst nicht alle Volksbühnenkaliber, aber die Energie, mit der sie kreischend, keuchend, krächzend Castorfs Hochdrucktheater performen, mal mit Boxhandschuhen aufeinander eindreschen oder einen Dialog mit Sofa auf dem Rücken und Chaiselongue unterm Arm stemmen, ist beeindruckend und keine Sekunde langweilig.

Ein wenig mehr Witz hätte dem Abend allerdings gutgetan. Zwischen selbstreflexiven Scherzen à la „Wieso sind wir so lange hier?“ bis zum Stinkefinger für Frank verhungert ein etwas müder Kalauer: Die französische Darstellerin will mit dem Thalys nach Paris abhauen. Aber da herrsche doch „Kabelklau“ zwischen Aachen und Lüttich, warnt ein Kollege. Die Französin kapiert nicht. „Kabeljau?“ So begriffsstutzig wie sie schaut wohl manch einer im Zuschauerraum. Aber nach fünfeinhalb Stunden Hirn-, Ohr- und Sitzfleischtortur spenden die Dagebliebenen einen erstaunlich frischen Applaus, und retour kommt anerkennender Beifall von den Schauspielern fürs „müde, geliebte Publikum“.

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