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Mönchengladbach: Carsten Süss inszeniert Operette „Die Faschingsfee“

Mönchengladbach : Carsten Süss inszeniert Operette „Die Faschingsfee“

Es ist bis fast auf den Tag genau 100 Jahre her, dass Emmerich Kálmáns Operette „Die Faschingsfee“ am Johann-Strauß-Theater in Wien das Licht der Welt erblickte. Die Geschichte handelt von der Liebe, wovon sonst.

Diesmal in der Spielart, dass eine lebenserfahrene, selbstbewusste, reiche, schöne Frau aus Amerika in ihre Heimat kommt und dort einem Künstler über den Weg läuft, wobei es ihr und ihm gehörig den Kopf verdreht.

Dumm ist nur, dass die „Faschingsfee“ zum Heiraten nach Hause gekommen ist, der Glückliche jedoch nicht der fesche Maler Victor Ronai sein wird, sondern Rittmeister Ottokar. Den gibt in der Mönchengladbacher Geburtstags-Inszenierung Intendant Michael Grosse selbst. Sonor, großmütig, lebensweise.

Und bildet damit den gewünschten Kontrast zur von Regisseur Carsten Süss in die 50er Jahre verlegte Szenerie. Süss, von Hause aus Tenor ohne Berührungsangst zur leichten Muse, inszeniert am Niederrhein nach einer selbst gestrickten Operettenrevue zum zweiten Mal. Unterhaltsam, mit Ambition, Stärken und Schwächen.

Unter der Oberfläche mieft es

Drei Stunden dauert der musikalische Spaß, der mit karnevalesker Maskerade und der ganzen musikalischen Routine des Großmeisters der Silbernen Operette das Kriegsgetöse außen vor lässt. Nun ist die „Faschingsfee“ zwischen den Schwesterwerken „Mariza“ und „Csardasfürstin“ von der Geschichte weitgehend zermalmt worden, was zum einen an den spärlichen Ohrwürmern liegen mag, zum anderen an vielleicht allzu sehr an den Haaren herbeigezogenen Konflikten.

Sei’s drum: Süss nimmt allen Ernst zusammen und zeigt eine Gesellschaft, in der es unter der Oberfläche noch gehörig mieft, in diesem Fall nach alten, verdrängten, beinahe tausendjährigen Zeiten. Zum Protagonisten des Ewiggestrigen erklärt er die Figur des Staatssekretärs Mereditt, der schmierig, machohaft seine gesellschaftliche Stellung missbraucht und dem auch schon mal der rechte Arm zum Hitlergruß entartet.

Juan Carlos Petruzziello, der im richtigen Leben mit Carsten Süss ein Tenor-Duo bildet, vermag die Szenerie nach Belieben mit seiner Präsenz zu dominieren. Allerdings wirkt das ähnlich brachial wie die Pointe, bei der im von röhrenden Hirschen in Öl auf Leinwand dominierten Foyer des Nobel-Hotels ein Führer-Porträt unterm Wagner-Kopf hervorrutscht.

Nun lässt sich der Operettenfan derlei gern gefallen, weil Kálmán einfach wunderbare Musik schreiben konnte. Im Graben waltet der neue Erste Kapellmeister Diego Martin-Extebarria mit einer Intensität und Leichtigkeit, dass alle Walzer schwingen und mit kostbaren Farben prunken. Die Blechblas-Sektion der Niederrheinischen Sinfoniker gibt sich in edles Purpur gewandet, das Solocello darf beim ersten Kuss des Traumpaares nach Herzenslust schwelgen.

Und so fort. In der Titelrolle verströmt Debra Hays, die ewig junge Sopranistin des Ensembles, gediegene Keckheit; Michael Siemon füllt die Partie des Victor mit tenoralem Wohlklang und Schmelz zum Schwärmen. Das „niedere Paar“ ist mit Markus Heinrich und Gabriela Kuhn temperamentvoll und pointenreich besetzt.

Das Gladbacher Theater leistet sich zur Spielzeiteröffnung eine besonders üppige Ausstattung. Drei Bühnenbilder ziehen zwei Pausen nach sich, was den Abend etwas lang, aber sehr anschaulich macht. Hier hat Siegfried E. Mayer eine Vielzahl an (lustigen) Details mit prägnantem Lokalkolorit verknüpft. Die Künstlerkellerkneipe des 1. Akts liegt unter Straßenlaternen samt echter historischer Limousine, das Atelier des 2. Aktes zeigt riesige Leinwände unterm Glasdach.

Das Hotel-Restaurant spielt witzig und mit Eisbärfell auf „Dinner For One“ an. Auch Kostümbildnerin Dietlind Konold darf in die Vollen greifen, was den Opernchor in ein Panoptikum von Kuriositäten verwandelt. Gerade im 1. Akt ist das durchchoreografierte Gewimmel auf der Bühne allerdings des Guten zuviel. Zumal die witzigen, aber letztlich übertexteten Dialoge trotz Mikroports schlecht zu verstehen sind. Wie überhaupt die akustische Abstimmung verbesserungswürdig erscheint.

Das ganze Ensemble hat jedenfalls Spaß an der Arbeit, die vielen, teils komplizierten Choreografien sind hübsch anzuschauen, und die Spielfreude schwappt über die Rampe. Im Ohr bleibt nach dem Abend am ehesten das Lied „Lieber Himmelvater, sei nicht bös'“, das an einem einen Wendepunkt der Handlung süffig eingängige Melodien findet. Jäger von Operettenraritäten werden dafür gern und letztlich lohnend nach Mönchengladbach reisen.