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Aachen: Camus-Experten kommen auf ihre Kosten

Aachen : Camus-Experten kommen auf ihre Kosten

Das Theater Aachen als „Wanderbühne”: Drei Spielstätten, verteilt im ganzen Haus, hat sich der Zuschauer in der spartenübergreifenden Produktion „Terror. Revolte. Glück.” gruppenweise zu erlaufen, ehe nach einer Pause das Finale vor der großen Bühne gemeinsam eingenommen wird.

Sänger, Schauspieler und Musiker setzen um, was Chefregisseur Ludger Engels und der Berliner Klangkünstler und Musiktheoretiker Volker Straebel nach Motiven von Albert Camus szenisch-musikalisch arrangiert haben.

Als „Musik-Theater-Installation” angekündigt, die es als gültige Form „performativer Präsenz” zu rehabilitieren gelte, entpuppt sich das Ganze als abgehobene Collage für Camus-Experten. Ohne intensive Lektüre des Programmheftes versteht man nichts.

Ein farbiges Kärtchen gilt als Fahrschein durch den Camus-Parcours mit unterschiedlichen Starts: „Prag” in den Kammerspielen (gelb), „Revolte” im Spiegelfoyer (rot), „Meer” auf der Bühne (blau). Nach 20 Minuten heißt es: wechseln. Die „Staus” auf den stickigen Fluren summieren sich: Von insgesamt 160 Minuten entfallen netto 95 auf die Vorstellung, 30 auf die Pause und 35 auf die „Wanderzeiten”.

Dabei rechtfertigt allein die Station „Revolte” im Spiegelfoyer die mobile Aufführungspraxis: Nur hier sitzt das Publikum nicht in den üblichen Reihen vor dem Guckkasten. Zusammen mit einem gefesselt auf dem Bauch liegenden Folteropfer findet sich der Zuschauer in einem Maschendrahtzaun-Geviert stehend wieder, während auf der Empore ein algerischer Oberst (Karsten Meyer) seine Untaten mit „Pflicht” rechtfertigt.

Und weil nicht nur in diesem Teil der Welt Unterdrückung geherrscht hat, zitieren Joey Zimmermann und Elke Borkenstein aus einem dokumentarischen Theaterstück über die Zeit der Militärjunta in Argentinien. Allein: Gefühle wie Beklemmung halten sich schwer in Grenzen, weil das Oberstübchen viel zu sehr damit beschäftigt ist, das Puzzle zu ordnen.

Argentinien immerhin liefert den spartenübergreifenden Anlass, Tangoklänge ertönen und das Darstellerpaar tanzen zu lassen. Die Komposition für vier Frauenstimmen, die Luigi Nono den verschwundenen Menschen während der Militärdiktatur gewidmet hat, die aber selbst letztlich überhaupt nichts besagt als diesen Entstehungszusammenhang, und das „Killing an Arab” der Punkband The Cure umrahmen das Bild musikalisch. Trockene Konzeptkunst.

Das Punkerpaar, dem man beim Zutritt zur „Revolte” im Treppenhaus begegnet, belehrt den Besucher: auch dies ein Fall von Revolte.

Unbekümmert greifen die Autoren auf Biografisches, Literarisches und Philosophisches aus der Gedankenwelt Camus´ zurück. „Prag” in der Kammer zeigt eine Szene aus dem Roman „Der glückliche Tod” mit dem Fremden, dem alles gleichgültig ist, den schließlich selbst das Leben auf der Straße stört. Der Chor stürmt in sein Hotelzimmer herein und schmettert slawische Lieder - da findet die existenzielle Not des Protagonisten absolut Verständnis.

Mindestens eine Woche Arbeit in einem Camus-Lesekreis ist zu empfehlen, um die philosophische Station „Meer” zu verstehen. Der arme Wicht Mensch, der ja in der Gewahrwerdung der Zumutung seines Seins erkennen muss, dass er grundlos da ist, und der Natur diese Misere auch noch ziemlich wurscht ist - dem soll ein Licht aufgehen, wenn er auf der Bühne sitzt, dem Rauschen herunterprasselnden Wassers lauscht sowie mikrotonalen Tonfolgen von John Cage. Die Musiker des Sinfonieorchesters „tönen” von den Rängen herab, der gesprochene Text ist nicht zu verstehen.

Hier war womöglich ein emotional wirkendes Stimmungsbild angedacht - doch stets ist nur der Kopf gefragt, und nicht der Bauch, was bei einem nur rudimentär vorhandenen Camus-Hintergrund ziemlich fragmentarisch ausfällt.

„Geworfen in das Nichts” hin oder her - Camus empfiehlt: einfach weitermachen! Am besten mit Liebe und Mitmenschlichkeit. Ganz allgemein gesprochen. Indes: Das letzte Kapitel „Glück” verlässt die philosophischen Höhen und dringt zwischen Herz und Schmerz bis in die Niederungen der geschlechtlichen Liebe, Verlockung und Sünde vor. Die Arien von Chausson und Purcell beschwören das erwachende Herz und schmachtende Gefühle - während Joey Zimmermann sich auszieht und mit Unterhose auf den Tisch legt. Vollkommen glücklich.

Viel Beifall erhalten die Sängerinnen M?lanie Forgeron und Michaela Maria Mayer sowie die Schauspieler Markus Schramm und Julia Brettschneider. Applaus auch für Ensemble, Chor (Einstudierung Frank Flade) und Sinfonieorchester (Leitung Volker Hiemeyer). Die Regie erntet kräftige Buhs.