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Stuttgart: Cäsar und der Passbild-Automat

Stuttgart : Cäsar und der Passbild-Automat

Der Eintritt in die fremde Welt geschieht durch einen Passbild-Automaten. In ihm verschwanden acht Menschen am Samstagabend auf der Bühne des Stuttgarter Opernhauses.

Sie fanden sich - reichlich erstaunt - als Protagonisten der Händel-Oper „Giulio Cesare in Egitto” (Julius Cäsar in Ägypten) wieder.

Und als sie fast dreieinhalb Stunden später verwundert ihre Passbilder beschauten und zurückkehrten in ihre Existenz als Penner oder Bürgerliche, als Luder oder Halbstarker, war Stuttgart um eine bejubelte Opernpremiere reicher.

Cäsar wird in Martin Kusejs Inszenierung von einer Frau gesungen. Das ist kein verrückter Regieeinfall, sondern nah an der historischen Realität des Barock.

Georg Friedrich Händel (1685-1759) komponierte die Titelrolle seiner Oper für eine Mezzosopranstimme, bei der Uraufführung am 20. Februar 1724 in London sang sie der Kastrat Senesino. Nicht nur Helene Schneiderman als Cäsar trat in einer Hosenrolle auf: Vier der insgesamt sechs männlichen Rollen wurden von Frauen gesungen.

Undurchsichtig und wenig nachvollziehbar sind die Intrigen am Hofe des ägyptischen Königs Ptolemäus, an den der Römer Cäsar als Sieger kommt. Dank Kusejs schlüssigem Konzept wird es trotz Mord und Totschlag, Rachegedanken und Liebesschwüren ein unterhaltsamer, fast heiterer Opernabend, denn die gewandelten Protagonisten müssen sich nicht darum bemühen, ein Historiendrama auf die Opernbühne zu bringen.

Sie können ganz bei sich bleiben, können sich auf die Musik und ihre Gefühle konzentrieren.
So ist Cäsar zwar ein Kriegsherr, doch neben Verstand und Mut gebraucht er auch sein Herz. Fast scheint es, als mache Schneiderman die Rolle des Geliebten der schönen Cleopatra mehr Spaß, als die des Eroberers.

Cleopatra ist ganz die kluge künftige Herrscherin von Ägypten. Der Streit mit dem Bruder, die Angst um den Geliebten - in ihren Arien lebt Catriona Smith diese inneren Konflikte überzeugend aus.

Kusej und der Bühnenbildner Olaf Altmann benötigen kein nachgeahmtes Ägypten für ihre Inszenierung. Ein mächtiger schwarzer Kubus, um den die Protagonisten anfangs noch verwirrt herumlaufen, öffnet sich im zweiten Teil zur Stufenpyramide.

Diese schwierige Bühnenkonstruktion wird von den Sängern souverän genutzt. Der Applaus galt am Premierenabend vor allem Schneiderman und Smith, dazu dem musikalischen Leiter Raymond Leppard.