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Worpswede: Bühne aus Backstein: Theater auf dem Worpsweder Niedersachsenstein

Worpswede : Bühne aus Backstein: Theater auf dem Worpsweder Niedersachsenstein

„Ein Gräuel!”, klagten die Einen. „Eine Wucht!”, schwärmten die Anderen. Bernhard Hoetgers (1874-1949) „Niedersachsenstein” polarisierte die Worpsweder schon bei der Einweihung 1922. Die Entstehungsgeschichte der einzigen bedeutenden expressionistischen Großplastik Deutschlands ist jetzt bühnenreif. Am Donnerstag (13. August) feiert das Theaterstück „Niedersachsenstein- Inszenierung eines Monuments” Premiere in der Künstlerkolonie. Die Aufführung der „Cosmos Factory” läuft täglich bis zum 22. August.

„Der Niedersachsenstein ist kein übliches Kriegerdenkmal, sondern gleichzeitig ein Kunstwerk”, sagt Oliver Peuker. Seine einstündige Inszenierung basiert auf Originalmaterialien und spannt den Bogen von der Baugeschichte über Hoetgers Faible für Mythologie bis hin zur Nutzung als Flüchtlingsunterkunft. „Es ist ein Gesamtkunstwerk aus Schauspiel, Tanz, Musik und bildender Kunst. Der Niedersachsenstein ist Bühnenbild, Mittelpunkt und Hauptdarsteller”, sagt Peuker. Neben Peuker gehören die Schauspieler Judith Mann, Mateng Pollkläsener und Anouk Falkenstein sowie die Tänzerin Citlali Huezo Sánchez zum Ensemble. „Der Stein ist voller Bewegung, er kommt mir freundlich und keineswegs aggressiv vor”, sagt die aus Mexiko stammende Huezo Sánchez.

„Hoetger musste schon viel aushalten”, sagt Peuker. Beispielsweise den von Fritz Mackensen angeführten Widerstand gegen das Bauwerk. Dabei war der Gründervater der Künstlerkolonie zunächst ein glühender Unterstützer des Projekts. Mit dem endgültigen Entwurf habe er aber nichts anfangen können, sagt Peuker. Ursprünglich sollte auf dem Weyerberg ein Bismarckdenkmal entstehen, in der Kriegseuphorie 1914 wurde ein „Siegesmal” favorisiert. Nach dem verlorenen Weltkrieg wurde daraus ein Denkmal für die Gefallenen. „Hoetger selbst hat gesagt, dass es ein Friedensmal sei”, sagt Hans Ganten von der Stiftung Worpswede. „Seine Spiritualität war seine Hauptinspirationsquelle”, meint Peuker.

Der Niedersachsenstein entging während der Zeit des Nationalsozialismus nur knapp der Abrissbirne. Nach dem Krieg diente das Monument einer zehnköpfigen Familie aus Ostpreußen als Unterkunft. Sie lebte in zwei winzigen Räumen unter der Aussichtsplattform, ohne fließendes Wasser und Strom. Trotzdem verbindet der damalige Teenager Kurt Schmidt glückliche Erinnerungen mit dem Domizil. „Wir hatten wirklich ein tolles Leben da. Wir sind auch mal auf dem Niedersachsenstein rumgekraxelt.” Zuweilen stibitzten die Kinder Äpfel aus dem Garten von Fritz Mackensen. „Komisch war das auch, wenn die Besucher sonntags kamen und in die Fenster geguckt haben. Dann haben wir mit dem Fernrohr zurückgeguckt.”

Die Stiftung Worpswede kaufte den Niedersachsenstein 1972. „Das Denkmal war in traurigem Zustand”, sagt Hans Ganten. Die erste große Sanierung lief 1980, die zweite von 1997 bis 1999. Dabei wurde vor allem die Statik der Großplastik verbessert. „Bautechnik und Bauphysik sind nicht Hoetgers Stärke gewesen”, sagt Ganten. Die jährlichen Pflegekosten beziffert Ganten mit 2000 bis 3000 Euro. Zuweilen muss die Stiftung dem Vogel auch mit Hilfe eines Hubwagens aufs Haupt steigen. „Oben auf dem Kopf wachsen Blumen, da hat auch schon eine Birke geblüht.”

(dpa)