1. Kultur
  2. Buch

Neuer Roman von Fang Fang: „Wütendes Feuer“: Warum chinesische Literatur es in Deutschland oft schwer hat

Neuer Roman von Fang Fang: „Wütendes Feuer“ : Warum chinesische Literatur es in Deutschland oft schwer hat

Mit ihrem „Wuhan Diary“ wurde Fang Fang während Corona bekannt. Nun erscheint bereits das dritte Buch der chinesischen Schriftstellerin in deutscher Übersetzung. Aber Literatur aus China hat es - aus vielen Gründen - noch immer nicht leicht.

Yingzhi wartet in der Zelle auf ihre Hinrichtung. Wofür sie im China der 1990er Jahre zum Tod verurteilt wurde, erzählt die chinesische Autorin Fang Fang in ihrem Roman „Wütendes Feuer“. Das Buch ist bereits 20 Jahre alt, wurde aber erst jetzt ins Deutsche übersetzt. Trotz einer gewissen Patina berührt die Geschichte über eine junge Frau, die selbstständig sein will, aber an den frauenfeindlichen Regeln der rückständigen Dorfbevölkerung verzweifelt, auch heute noch.

Noch immer erscheint vergleichsweise wenig Literatur aus China in deutscher Übersetzung - zumindest angesichts der Größe des Landes. Das liege aber nicht daran, dass es dort wenig spannende Literatur gebe oder die Einschränkungen für Schriftsteller besonders groß seien, glaubt die Sinologin Karin Betz, die im vergangenen Semester die Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der Freien Universität Berlin inne hatte.

„In Deutschland hat Literatur aus China nur dann Erfolg, wenn sie vermeintlich kritisch ist“, sagt die Übersetzerin. Dabei sei nicht jeder, der sich kritisch äußere, gleich Dissident. Die Kulturrevolution, die große Hungersnot oder die Zwangsenteignung reicher Familien kritisch zu sehen, sei in China inzwischen „Konsens“. Bücher, die davon handeln - wie Fang Fangs Erfolgsroman „Weiches Begräbnis“ - seien weniger mutig als man hierzulande annehme. Dennoch gebe es natürlich Tabus, sagt Betz: Über das Tian'anmen-Massaker etwa dürfe man bis heute nicht schreiben, ebenso wenig wie die aktuelle Regierung kritisieren.

Auch Fang Fang „ist weder Parteimitglied, noch Dissidentin, sie ist eine jederzeit streitbare Humanistin“, schreibt ihr Übersetzer Michael Kahn-Ackermann im Nachwort. „Damit gerät die in ihrer Heimat berühmte und mit vielen Preisen ausgezeichnete Autorin im gegenwärtigen China in Schwierigkeiten. Seit der Veröffentlichung ihres „Wuhan Diary“ im Jahr 2020 ist sie Opfer einer gegen sie inszenierten Hetzkampagne in den sozialen Medien und hat faktisch Publikationsverbot.“

 Fang Fang: „Wütendes Feuer“, 208 Seiten, 22,00 Euro, Hoffmann und Campe.
Fang Fang: „Wütendes Feuer“, 208 Seiten, 22,00 Euro, Hoffmann und Campe. Foto: dpa/Hoffmann und Campe

Literatur nur nach ihrem vermeintlich politischen Inhalt zu beurteilen, findet die Frankfurter Übersetzerin Karin Betz „schade“. Auch Autoren aus China hätten das Recht, über jedes - auch unpolitische - Thema zu schreiben. Und das tun sie bisweilen sehr erfolgreich: Die Science-Fiction-Saga „Die drei Sonnen“ von Liu Cixin war ein weltweiter Bestseller. „Das hat auch für andere Autoren die Tür geöffnet“, sagt Betz.

Schwer hat es Literatur aus China nach Betz' Einschätzung auch, weil das Übersetzen aufwendiger und damit für Verlage teuerer ist als aus einer westlichen Sprache. „Der Weg vom Original zum deutschen Text ist einfach länger“, sagt die Sinologin. Kahn-Ackermann greift - wie schon in „Weiches Begräbnis“ - auch hier zu Fußnoten, um Hintergründe oder Besonderheiten zu erklären. Die Sprache pendelt zwischen derber Vulgärsprache („dass sie sich den Arsch aufgerissen hat“) und gestelzten Formulierungen („Verloren in diese Gedanken schritt sie seufzend dahin.“)

„Den Übersetzer stellt die Verwendung der farben- und bildreichen Wendungen und Ausdrücke der bäuerlichen Lokalsprache in ihrer Heimatprovinz vor Herausforderungen“, gibt Kahn-Ackermann im Nachwort zu. „Vieles im Roman und im Verhalten seiner Personen mag den deutschen Lesern fremd und manchmal schwer verständlich erscheinen“. „Doch vermittelt er genaue literarisch verarbeitete Eindrücke in das spannungsreiche und widersprüchliche Leben der Menschen im heutigen China zwischen Tradition und Zukunft.“

Wie viele Bücher aus China ist „Wütendes Feuer“ nicht alleine als Roman interessant, sondern auch, weil man dabei so manches lernt über die Lebensverhältnisse in einem für die meisten von uns noch immer fremden Land. Das Buch spielt in der Zeit, als das sozialistische Zuteilungssystem von marktwirtschaftlichen Mechanismen abgelöst wurde. In den boomenden Städten fanden Zuwanderer vom Land nicht nur Arbeit, sondern oft auch ein freieres, selbstbestimmteres Leben.

„Wütendes Feuer“ spielt auf der Kehrseite diese Entwicklung: Auf dem Land zurück blieben die Ungebildeten, die Armen, die Alten - und der gesellschaftliche Druck. Frauen mussten Kinder bekommen und in der Landwirtschaft arbeiten, die Schwiegereltern versorgen und die Launen des Mannes ertragen: Im Fall von Yingzhi ein Säufer und Spieler, der sich weigert zu arbeiten und seine Frau verprügelt.

Yingzhi ist eine Schönheit und geschäftstüchtig dazu. Sie singt - mehr oder weniger heimlich - in einer reisenden Band bei Hochzeiten und Familienfeiern, muss das Geld aber bei der Familie abliefern. Als sie damit ein eigenes Haus bauen will, nimmt das Drama seinen Lauf. Am Ende verbrennt das Feuer ihrer Wut auch jene, die bis zum Ende zu ihr halten.

(dpa)