Verstörende Figur als Protagonistin in „Stella“ von Takis Würger

Liebe in Zeiten des Terrors : Verstörende Figur als Protagonistin in „Stella“

Stella Goldschlag verriet als jüdische „Greiferin“ Juden an die Gestapo. Takis Würger macht die verstörende Figur zur Protagonistin eines Romans. Er scheitert aber an dem sensiblen Stoff.

Maximale Aufregung über ein mittelmäßiges Buch. Seit seinem Erscheinen hagelt es in den großen Feuilletons vernichtende Kritiken. Inzwischen droht dem Autor sogar ein Gerichtsverfahren wegen Verletzungen von Persönlichkeitsrechten. Nein, über einen Mangel an Aufmerksamkeit kann sich Takis Würger, Shootingstar der deutschen Literaturszene, derzeit nicht beklagen.

Dabei ist sein neuer Roman „Stella“ auf den ersten Blick nur eine klassische Liebesgeschichte. Deren Plot ist schnell erzählt. Ein junger Schweizer aus begütertem Haus reist 1942 nach Berlin, sieht eine verführerische Frau, zieht mit ihr durch das Nachtleben der Hauptstadt, kommt der blauäugigen Schönheit näher und verliebt sich in sie. Doch das intime Verhältnis zerbricht an widrigen Umständen.

Diese Umstände hätten den Roman in eine besondere Sphäre heben können. Die Angebetete, sie nennt sich zunächst Kristin, ist nämlich Jüdin. Eine Jüdin, die mit den Nazis kooperiert und andere Juden aufspüren und denunzieren wird, die sich in Berlin versteckt halten. Sie macht es, weil sie glaubt, so ihre Eltern vor der drohenden Deportation in ein Vernichtungslager bewahren zu können.

Das blonde Gift

Kristin ist keine fiktive Person. Auch Würger nennt in seinem Roman ihren richtigen Namen: Stella Goldschlag. Die junge Frau war in Berlin während der letzten Kriegsjahre die wohl gefürchtetste „Greiferin“. Mindestens 230 untergetauchte Juden trieb „das blonde Gift“ ab 1943 der Gestapo zu. Manche sagen sogar, es seien mehr als 2000 Menschen gewesen. Zuvor hatten braune Schergen die junge Frau schwer gefoltert und mit dem Hinweis auf ihre festgesetzten Eltern erpresst.

Vom österreichischen Schriftsteller Jean Améry, der selbst in den Folterkellern der Nationalsozialisten gelitten hat, stammen die Sätze: „Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert. Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt; die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen.“ Was hat die Erfahrung von Folter mit Stella Goldschlag gemacht? Wie hat sie ihren faustischen Pakt mit den Nazis vor sich selbst rechtfertigt? Hat er die junge Frau innerlich zerrissen? Hat sie darunter gelitten? Wie stark waren ihre Selbstzweifel? Hat sie mit dem Gedanken gespielt, ihr eigenes Leben zu opfern, um anderen eine Überlebenschance zu lassen? Oder war sie von Beginn an nur eiskalt, gierig und berechnend?

Takis Würger: „Stella“ , 218 Seiten, 22 Euro, Hanser. Foto: Hanser-Verlag

Es gibt noch viel mehr Fragen, die Würger seiner literarischen Stella hätte stellen können. Doch der 34-Jährige kratzt nur ein wenig an ihrer Oberfläche, thematisiert das perfide System der Nazis, einzelne Juden zur Mittäterschaft am Holocaust zu zwingen, kaum. Die verzweifelte Lage der Protagonistin erscheint lediglich wie eine Folie, wie der Knalleffekt für eine spektakuläre Liebesgeschichte. Süffig geschrieben, fehlt Würgers Roman die Tiefe. Literarisch wird er dem hochsensiblen und komplexen Stoff nicht gerecht. Daran ändern auch kurze Zeugenaussagen über Stellas Greifer-Tätigkeit wenig, die in den Erzählstrom eingebunden sind. Die vor einem sowjetischen Militärtribunal 1946 erhobenen Vorwürfe sollen Authentizität vermitteln. Das schaffen sie nicht, haben aber dazu geführt, dass die Erben von Stella Goldschlag inzwischen den Verkauf des Buches in der aktuellen Fassung gerichtlich unterbinden wollen.

Wer die Tragik der Stella Goldberg verstehen will, der ist bei Würger schlecht aufgehoben. Deutlich intensiver hat sich ein anderer Autor mit der Frau auseinandergesetzt, nämlich der US-amerikanische Historiker Peter Wyden. Er war ein Klassenkamerad von Stella, hatte aber das Glück, mit seinen jüdischen Eltern 1937 aus Nazi-Deutschland auswandern zu können. Wyden zeichnet in seinem Buch – ebenfalls mit dem Titel „Stella“ – nicht nur den Lebensweg der von ihm angehimmelten ehemaligen Mitschülerin nach.

Er beschreibt auch detailliert, wie sich jüdische Berliner ihrer Deportation entziehen wollten, wie sie versuchten, im Untergrund zu überleben und wie der braune Machtapparat Jagd auf die Verzeifelten machte. Rund 6000 „Flitzer“ sollen es im Mai 1943 gewesen sein, als Berlins Gauleiter Joseph Goebbels die Hauptstadt „judenfrei“ erklärte. Nur 1400 erlebten die Befreiung.

Selbstmord 1994

Wydens Buch ist bereits 1992 im Steidl-Verlag erschienen. Stella Goldschlag, die 1946 zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt worden war, hat es wohl noch zur Kenntnis genommen. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung nahm sie sich das Leben. Im Alter von 72 Jahren sprang Stella in Freiburg aus einem Fenster ihres Wohnhauses in den Tod.

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