„Todesspiel im Hafen“ und „Ostfriesennacht“ von Klaus-Peter Wolf

„Todesspiel im Hafen“ und „Ostfriesennacht“ : Gleich zwei neue Krimis von Klaus-Peter Wolf

Alle Züge, die an den äußersten Zipfel des ostfriesischen Festlands führen, enden hier: in Norddeich, wo der Gelsenkirchener Klaus-Peter Wolf seine Wahlheimat fand. 2007 ließ er dort erstmals Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen ermitteln.

Die Reihe um die unkonventionelle Ermittlerin, die sich auch schon mal nackt an einen Tatort legt, um den Geist des Geschehens auf sich wirken zu lassen, entwickelte sich zum Bestseller. In „Ostfriesennacht“ lösen die Heldin und ihr Team jetzt ihren 13. Fall.

Für Fans der Polizeibeamtin mit dem fast schon übersinnlichen Draht zu Taten und Tätern ist „Ostfriesennacht“ wie nach Hause kommen. Bekannte Personen, bekanntes Ambiente, bekannte Requisiten – bis hin zu den Marzipan-Seehunden aus dem Café. Trotzdem gelingt es auch Erstlesern, rasch Zugang zu finden. Dafür ist der Fall als solcher – ein Serientäter hat schöne Touristinnen mit Tier-Tattoos im Visier, die allein in Ferienwohnungen leben – packend genug. Die Details stellen sich zwar als grauslich heraus, aber Wolf ist nicht der Typ, der genießerisch-voyeuristisch das Morden aus Lust schildert. Er schreibt Krimis, keine Thriller. Man darf bei ihm mitraten, wer der Täter ist, und nimmt Anteil am Privatleben der Protagonisten.

Gleichzeitig ist mit „Todesspiel im Hafen“ der letzte Band von Wolfs Sommerfeldt-Trilogie erschienen. Als Ich-Erzähler fungiert ein feingeistiger Mörder mit traumatischer Vita, der sich unter falschem Namen als Hausarzt in Norddeich niedergelassen hat. Wolf stellt ihm in dieser Reihe Kommissarin Klaasen als Jägerin gegenüber.

„Todesspiel im Hafen“ von Klaus-Peter Wolf, 384 Seiten, 10.99 Euro, S. Fischer. Foto: Fischer

Dieser Krimi ist nun weitaus sperriger. Wer die ersten Bände nicht kennt, muss anfangs rätseln, wer wer ist. Wie Cordula, Ex-Sprechstundenhilfe des mörderischen Doktors, die mit ihm eine Bonnie-and-Clyde-Allianz einging. Auch die Sommerfeldtsche Vorgeschichte wird nicht noch einmal rekapituliert. Ehe man ihm als Insasse der JVA Meppen begegnet, erfährt man als Neu-Leser zumindest, dass ihn Ann Kathrin Klaasen am Ende von Band 2 verhaftet hat. Der Serienkiller ist zum Medienstar geworden, Verlage wetteifern um seine Memoiren, Frauen machen ihm reihenweise brieflich Avancen.

Da Sommerfeldts Spielraum hinter Gittern naturgemäß begrenzt ist, steht fest: Er muss raus. Das gelingt ihm auch. Leider hat sich bis dahin etwas eingestellt, was sich in Krimis niemals einstellen sollte: Langeweile. Zu episch walzt Wolf die literarischen Ambitionen ihres Protagonisten aus. Hier kommt er trotz des hübsch schnoddrigen Tonfalls und einiger nicht ganz uncooler Attacken auf Macho-Knastis auf den ersten rund hundert Seiten allzu selbstgefällig rüber.

Wer trotzdem weiter liest, gerät aber erneut in Sommerfeldts Sog und wird mit einem bis zuletzt äußerst spannenden „Roadmovie“ belohnt, das vom Emsland nach Friesland und Franken führt. Der Antiheld mit den drei Persönlichkeiten, der zwar Männer eiskalt töten kann, aber Frauen gegenüber wehrlos ist, gewinnt eingangs verlorene Sympathien pfundweise zurück. Nicht nur dadurch, dass er entdeckt, dass er in der Lage ist, Freundschaften zu schließen, sondern auch dadurch, dass er endlich die Konfrontation mit seiner größten Angst wagt: Er besucht seine Mutter.

(sus)
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