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Hasenclever-Preis für Marica Bodrožic: Starke Worte auf (noch) nicht ganz so großer Bühne

Hasenclever-Preis für Marica Bodrožic : Starke Worte auf (noch) nicht ganz so großer Bühne

Am Wochenende hätte Marica Bodrožic den Hasenclever-Preis in Aachen entgegennehmen sollen. Statt eines großen Festakts sendet die Schriftstellerin eine Videobotschaft.

Die Bühne für Marica Bodrožic hätte größer sein sollen, deutlich größer. Eine Lesung und ein Festakt mit entsprechend ehrwürdigem Rahmen waren ursprünglich für dieses Wochenende anberaumt worden. Dazu ein Gespräch mit Schülern des Einhard-Gymnasiums am Montag. Und eine solche große Bühne soll es ja auch noch geben, im kommenden Jahr, wenn die diesjährige Trägerin des Walter-Hasenclever-Literaturpreises dann hoffentlich endlich auch persönlich nach Aachen kommen kann, in die Geburtsstadt des großen expressionistischen Dichters, nach dem der Preis benannt ist, der alle zwei Jahre vergeben wird und mit 20.000 Euro dotiert ist.

Weil die Corona-Pandemie die Pläne bekanntermaßen durchkreuzt hat, war die Bühne am Freitag deutlich kleiner, auf der Bodrožic sich für den Preis bedankte. Genauer gesagt war es eine Videobotschaft aus ihrer Wohnung in Berlin, in der Bodrožic – große Bühne, kleine Bühne, hin oder her – starke Worte fand: „Die Welt der Sprache war für Walter Hasenclever schon sehr früh eine der Rettung und des Denkens, des Durchdenkens von Welt“, sagte die 47-jährige Schriftstellerin. „Das verbindet mich auf eine so existenzielle Weise mit ihm, dass ich es eigentlich nur mit meinem Werk zeigen und hier nur sagen kann.“ Sie bedankte sich bei der Jury „für die Lesarten meiner Arbeiten, die mich mit seinem Leben und Werk verbinden und die mir Aufforderung sind und es bleiben werden, schreibend, denkend und atmend wach zu sein.“

Bodrožic wurde 1973 im damaligen Jugoslawien in der Nähe von Split geboren. Die Autorin selbst spricht von Dalmatien. Dort lebte sie bis zu ihrem zehnten Lebensjahr bei ihrem Großvater, bevor sie 1983 zu ihren Eltern nach Deutschland in den Taunus kam. Sie hat eine Ausbildung zur Buchhändlerin absolviert und Kulturanthropologie, Psychoanalyse und Slawistik studiert. Auch wenn sie in der deutschen Sprache ihr Ausdrucksmittel gefunden hat, so sind der Zerfall Jugoslawiens und die Kriege in den 90er Jahren zentraler Bezugspunkt in ihren Arbeiten.

Jürgen Trabant, emeritierter Professor für Romanische Philologie, schreibt in seiner Laudatio auf Bodrožic unter dem Titel „Die Sprache der Liebe und der Krieg“: „Das Werk der Dichterin Marica Bodrožic setzt ein in dem historischen Moment, in dem dieses schmerzhafte mediterrane Idyll zerbricht, ja explodiert. ‚Tito ist tot‘ heißt die Erzählung, mit der sie in die deutsche Literatur eintritt. Und ihr gesamtes bisheriges Werk – Erzählungen, Gedichte, Romane, Essays – ist von diesem Urknall her zu verstehen.“ Trabant würdigt Bodrožic als „eine große Sprach-Hörende“: „Sie erlebt Sprache stark körperlich, als eine tief sinnliche Produktivität des Denkens. Sie weiß daher, dass Wörter nicht einfach nur Gegenstände arbiträr (willkürlich, Anm. d. Red.) bezeichnen, sondern dass sie diese auch denkend erschaffen.“

Olaf Müller, Leiter des Kulturbetriebs der Stadt Aachen und Mitglied der Jury, verwies darauf, dass Bodrožic den Hasenclever-Preis in einem besonderen Jahr erhält, in das der 130. Geburtstag und der 80. Todestag des Schriftstellers fallen. Hasenclever hatte sich auf der Flucht vor den Nazis im Jahr 1940 in Südfrankreich im Kreise von vielen anderen deutschen Intellektuellen und Künstlern aufgehalten. Als „unerwünschter Ausländer“ wurde er im Lager Les Milles in Aix-en-Provence interniert, wo er sich am 21, Juni 1940 das Leben nahm, weil er nicht mehr glaubte, den Nazis entgehen zu können. Müller kündigte an, dass das Theater Aachen in der nächsten Spielzeit ein Stück Hasenclevers in seinen Spielplan aufnehmen werde.

Marica Bodrožic sagt in ihrer Dankesbotschaft: „Wir sind auf das wahrhaftige Sprechen zurückgeworfen, etwas, das uns erstaunlicherweise wohl fremd geworden ist, wenn uns ausgerechnet nun die Verdeckung unseres Mundes dazu zwingt, einander wieder in die Augen zu sehen.“ Gedanken über Sprache, Gedanken zur Zeit. Sie freut sich darauf, im kommenden Jahr Aachen zu besuchen. Aachen wird ihr eine große Bühne bereiten.