Siri Hustvedts Roman "Damals"

Rezension : Poetisches Puzzle um Lust und Geist

Erinnerung, Tagebuch, Essay: In Siri Hustvedts Roman „Damals“ begegnen sich die junge und die gereifte Siri Hustvedts. Große Literatur und ein poetisches Puzzle um Identität, Lust und Geist.

Auf dem Umschlag sieht man die Zeichnung einer nackten Frau, die mit ausgebreiteten Armen in den Himmel über New York fliegt. Ihre Augen sind geschlossen, aber sie scheint zu lächeln, strahlt Kraft, Selbstvergessenheit, fast Unverwundbarkeit aus. In ihrer rechten Hand hält sie ein Messer, das auch in der Geschichte eine wiederkehrende Rolle spielen wird. Die Zeichnung stammt von Siri Hustvedt, sie hat sich als junge Frau gezeichnet – als jene Frau, die der Leser in dem Roman „Damals“ kennenlernt.

Dabei ist schon die literarische Gattung nicht zuverlässig zu bestimmen: Ist es tatsächlich ein Roman? Tagebucheinträge, essayistische Stücke, philosophische Reflexion, Autobiografie, Beitrag zur Metoo-Debatte und verschiedene Erzählstränge mischen sich zu einem Gesamtkunstwerk, an dem sich Siri Hustvedt erstaunlich selten verhebt.

Hustvedt trifft aus einem Abstand von 40 Jahren auf sich selbst, in ihrer Erzählerin S.H. verbinden sich die beiden Frauen, die eins sind und doch verschieden, treten in einen tiefen, liebevollen, aber auch kritischen Dialog. Man mag das als Selbstbespiegelung begreifen, aber angesichts ihrer hohen Erzählkunst ist das mehr als verzeihlich. Denn „Damals“ bleibt nicht im Narzissmus stecken, sondern erzählt davon, wie sich New York, wie sich die Welt, das Verhältnis der Geschlechter und wie sich eine Frau im Lauf ihres Lebens verändert.

Zu Beginn ist S.H. 23 Jahre alt und eine Abenteurerin. Sie freut sich auf „einen Reigen an Liebhabern“, die sie in ihrem winzigen Apartment in Manhattan zu empfangen gedenkt, und sie freut sich auf die Geschichten, die sie zu Papier bringen wird. Die ältere Frau erinnert sich an die junge Frau, die sie einst gewesen ist, mit den „ganzen prekären Wahrheiten der Erinnerung“. Der englische Titel „Memories of the future“ ist da treffender.

Siri Hustvedt: „Damals“. Rowohlt Verlag, 444 Seiten, 24 Euro. Foto: Rowohlt

Die Zeit hat mehr Gefühl als Tatsachen hinterlassen, und so mäandert Siri Hustvedt durch die Jahrzehnte ihrer eigenen Geschichte, die gereifte Frau trifft in einer Zeitschleife auf die junge, die sich mit ebenso viel Lebenshunger wie Intellekt ins wilde New York der 70er Jahre wirft.

Unzuverlässig sind auch die vielen Erzählstränge: Das gibt es die verdoppelte Protagonistin, daneben die Aufzeichnungen ihrer ersten unvollendeten Geschichte, ein noch leicht pubertärer Detektivroman. Rätsel geben auch die Tagebucheinträge auf, bei denen die Autorin bewusst offenlässt, ob es sich dabei um originale Einträge oder um heute Erdachtes handelt, Literatur oder persönliches Dokument. Und schließlich wird die mysteriöse Geschichte der leidenden spiritistischen Nachbarin Lucy Brite erzählt. Auch sie bleibt seltsam entrückt, fast ein Hirngespinst, so dass der Leser immer wieder an der Echtheit dieser Figur zweifelt. In einer schicksalshaften Schlüsselszene verwebt Hustvedt die verschiedenen Stränge miteinander, S.H. erlebt in ihrem Apartment eine „Beinahe-Vergewaltigung“.

Gerettet wird sie von der seltsamen Nachbarin, die ihre Schreie hört und den Aggressor in die Flucht schlägt. Ein Erlebnis, das die beiden Frauen zusammenführt, vor allem aber S.Hs. potenter Lust einen nachhaltigen Dämpfer verpasst. Fortan wird sie weniger verspielt, sondern zunehmend misstrauisch mögliche Liebhaber betrachten. Eine Zeitlang wird ihr alles Körperliche zuwider sein, stattdessen reflektiert sie das Verhältnis zwischen Frauen und Männern, sucht ihren eigenen Anteil an dem Vorfall mit dem selbstverliebten Partyhengst und leidet noch Jahrzehnte später an dem eine Sekunde zu lange dauernden Moment ihrer Höflichkeit.

 „Das Buch ist ein episodischer Roman, fiktional wie jede Autobiografie, und doch misstraue ich den Erinnerungen dieser Frau. Ich glaube, sie lügt“, schreibt die Erzählerin. Der Roman ist ein großes, poetisches Puzzle um Identität, Fiktion, Erinnerung, um Geschlechterkampf und -liebe, um Lust und Geist. Wie in einem David-Lynch-Film legt hier Siri Hustvedt tausend Fährten, die meist in einer Sackgasse enden.

Sie konstruiert Wahrheit und erinnert Fiktion, sie erlebt Träume und erfindet Biografisches und schafft dabei – trotz manch anstrengender Passage – große Literatur. Ein Abschied ist es auch: Die junge Frau, „die entsetzliche Schwester“, wie es zum Schluss heißt, entschwindet in den Himmel. Das Messer nimmt sie mit. Als schärfste Waffe hat sich sowieso der Verstand entpuppt.

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