„Schutzzone“ von Nora Bossong, Suhrkamp

Themen mit Gewicht : Roman „Schutzzone“ beschäftigt sich mit großen Fragen

Nora Bossong stellt große Fragen, auch in ihrem neuen Roman „Schutzzone“. Wie wenige andere Schriftsteller ihrer Generation nimmt sie sich Themen mit Gewicht vor. „36,9°“ (2015), ihr Roman über den italienischen Philosophen Antonio Gramsci, ist ein gutes Beispiel dafür; „Schutzzone“ ebenfalls.

Ich-Erzählerin und zentrale Figur des Romans ist Mira, die in Genf für die Vereinten Nationen arbeitet. Milan kennt sie schon seit ihren Kindertagen. Vor fast einem Vierteljahrhundert hat sie eine Zeitlang in seiner Familie gelebt, als ihre Eltern sich getrennt hatten. Seitdem verbindet beide eine schwierige Beziehung aus Zuneigung und Zurückweisung und Sympathie und Distanz.

Auf der einen Ebene ist es ein Roman über die Vereinten Nationen, über deren Arbeit unter anderem in Ostafrika, über das Leben der UN-Mitarbeiter in ihrer Kunstwelt, in der das UN-Büro von Sicherheitszäunen und Stacheldraht eingehegt ist. Auf einer anderen Ebene geht es um Wahrheit und Gerechtigkeit. Mira wird geschätzt wegen ihrer Fähigkeit, Menschen zum Reden zu bringen, ein Talent, das ihr bei Befragungen zur Aufarbeitung der Völkermorde in Ostafrika mehrfach zugute kommt.

Aber gleichzeitig wird in den Berichten der Vereinten Nationen die Wahrheit in verschleiernde Diplomatensprache verpackt: Es wird bekräftigt, erinnert, nachdrücklich aufgefordert. Klartext angesichts von Morden und Verbrechen geht anders. „Du willst mir nicht sagen, dass wir irgendetwas im Griff haben“, sagt Miras Freundin Sarah: „Die Hilfskonvois fahren. Die Diktatoren diktieren. Die Sopranisten singen. Und irgendwo schneidet ein Mann, der sonst nicht weiter auffallen würde, Leichensäcke auf, um zu sehen, ob seine Tochter darin liegt.“

Auch Mira zweifelt immer wieder an den Möglichkeiten der Vereinten Nationen, zur Lösung der zahlreichen Konflikte beizutragen oder auch nur die Wahrheit darüber herauszufinden. Und auch ihre eigene Rolle bei der Arbeit in Burundi erscheint zunehmend zweifelhaft. Schließlich schreibt sie ihre Kündigung. Doch ihr Vorgesetzter schlägt ihr vor, als nächstes nach Amman zu gehen. Im Schlusskapitel läuft sie noch einmal durch Genf – am Tag darauf will sie in die jordanische Hauptstadt fliegen.

Es ist ein komplexes Thema, das spiegelt auch der Aufbau des Romans wieder: Die Kapitel spielen an verschiedenen Schauplätzen jeweils zu verschiedenen Zeiten. Er beginnt im Februar 2017 in Genf und endet dort im April 2018. Aber dazwischen erzählt Bossong ihre Handlung auf mehreren Zeitebenen, geht zurück ins Bonn des Jahres 1994, nach New York 2011 oder nach Bujumbura, Burundis früherer Hauptstadt, im Jahr 2012. Sie setzt ihre Geschichte zusammen aus einzelnen Passagen, die wie Kugeln auf einer Schnur aufgezogen sind, bloß nicht in der Reihenfolge des Geschehens.

Die Romanstruktur ist so anspruchsvoll wie die Sprache: Der Schlussatz kommt auf fast 250 Wörter, durchzogen von Dutzenden von Kommata. Es ist, als solle sich auch darin spiegeln, dass man es sich mit Themen wie diesen nicht zu leicht machen darf.

(anh)
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