Sachbuch „Verschwundene Krankheiten“ von Sophie Seemann

„Verschwundene Krankheiten“ : Ein Sachbuch so spannend wie ein Krimi

Cellospieler leben gefährlich. Professionelle Musiker, die dieses Instrument regelmäßig spielen, riskieren mit der Zeit einen sogenannten Cello-Hoden. Die Hauterkrankung wird ausgelöst von der ständigen Reizung durch das Instrument.

Das jedenfalls schrieb ein gewisser John M. Murphy 1974 in einem britischen Medizinjournal. Von da an geisterte diese bizarre Erkrankung immer wieder einmal durch die Gazetten. Bis der Autor des Artikels mehr als 30 Jahre später zugab, dass er die Krankheit erfunden hatte. Er selbst zeigte sich am meisten verwundert, dass sein Scherz für bare Münze gehalten wurde.

Aber selbst nach Murphys Geständnis war der „Cello-Hoden“ einfach nicht mehr totzukriegen, sondern irrlichterte als Musikerkrankheit weiter durch die Welt. Es gibt jedoch viele andere Krankheiten, die einst tatsächlich Angst und Schrecken verbreiteten und die uns heute gar nichts mehr sagen. Die Kinderärztin Sophie Seemann erzählt in ihrem populärwissenschaftlichen Buch von verschwundenen Krankheiten, und das ist bisweilen so spannend wie ein Krimi. Denn manche dieser Krankheiten geben immer noch Rätsel auf. Die meisten Krankheiten traten zeitlich begrenzt, manche nur regional auf. Einige wie die Phosphornekrose hatten ihre Ursachen in Umwelt- oder Arbeitsbedingungen, die es so heute nicht mehr gibt.

Eines der größten Rätsel der Medizingeschichte ist eine Epidemie, die im 16. Jahrhundert zunächst in England und dann auch auf dem Kontinent grassierte und die tausende Opfer forderte: Der Englische Schweiß äußerte sich in hohem Fieber, übel riechenden Schweißausbrüchen und brennendem Durst. Die Erkrankten starben meist innerhalb von Stunden. Das Merkwürdige: Nach fünf Epidemie-Wellen verschwand die Seuche so schnell, wie sie gekommen war, und bis heute wird wild spekuliert.

Manchmal schrecken Ärzte auch nicht vor plumpen Erfindungen zurück, um ihren eigenen Ruhm zu mehren. Mitte des 19. Jahrhunderts erfand der Schweizer Arzt Johann Jakob Guggenbühl den Alpenstich aus Geltungssucht. Er wollte sich gegenüber seinen dominanten deutschen Kollegen mit einer typisch schweizerischen Krankheit profilieren.

(pei)
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